„Queen of Chess“ heißt die Dokumentation, die NETFLIX seit dem 6. Februar im Programm hat. Nach dem Erfolg der fiktiven Serie „Damengambit“ nun also die Geschichte der wohl besten Schachspielerin aller Zeiten, erzählt mit reichlich Material aus den Filmarchiven und so spannend, wie es nicht immer von Dokus zu erwarten ist. Die „Queen“ ist Judit Polgár und ihre Geschichte hat ein Thema: Wie sich eine Frau in der Welt der Schachmänner durchsetzt.
„Genies werden nicht geboren, sondern gemacht“
Regie führte die 58-jährige Rory Kennedy. Das jüngste Kind von Robert F. Kennedy gehört zu den besten Dokumentarfilmerinnen und Produzentinnen der USA, mehrfach nominiert und u.a. ausgezeichnet mit einem Prime Time Emmy Award (2024). 2011 produzierte sie für HBO die Doku „Bobby Fischer Against the World“ – das Thema Schach ist ihr also nicht fremd. Geschrieben wurde das Skript zu „Queen of Chess“ von Rory Kennedys Mann Mark Bailey und Kevin McAlester, die auch die Produzenten der Dokumentation waren.
Am Ende fragt die Regisseurin Judit Polgár, wie es sich anfühlt, Teil eines Experiments gewesen zu sein. Polgar, die 2014 ihre Schachkarriere beendete, wirkt zunächst ratlos, dann lacht sie und erklärt, dass sie etwas gelernt hat: „Nie aufgeben. Bis zum Schluss kämpfen!“
Kennedys Frage ist durchaus provokant, denn gemeint war etwas anderes. Nämlich Judits Kindheit, die sie in ihrer Autobiografie How I Beat Fischer’s Record so beschrieb: „From the moment of my birth on 23 July 1976, I became involved in an educational research project. Even before I came into the world, my parents had already decided: I would be a chess champion.”
Statt in einem Biopic pathetisch eine Sportlerin für ihre Erfolge zu feiern, kehrt die Regisseurin zu ihren Anfängen zurück. Zu einem Experiment, das dazu führte, dass Judit Polgár auf dem Höhepunkt ihrer Laufbahn eine ELO von 2735 erreichte, als 15-Jährige einen Rekord brach und einen Monat früher Großmeister wurde als Bobby Fischer (und damit ist nicht der Titel Woman Grandmaster (WGM) gemeint!) und schließlich zu den Top Ten der FIDE-Rangliste gehörte, was bis heute keiner anderen Frau gelang. Aktuell ist die Chinesin Hou Yifan mit einer ELO von 2529 die Nr. 1. Und die wird instrumentalisiert, so Polgár: „But the Chinese government are interested only in her becoming woman’s world champion. For them that is enough, and it is much easier to achieve than outstanding performances against the best men.”
Außergewöhnliche Erfolge gegen die besten Männer: Judit Polgár hat dies geschafft, aber Rory Kennedys Frage rückt etwas in den Fokus, was nicht nur in den 1980er-Jahren kritisch hinterfragt wurde. Es geht um das „Experiment“, das Judits Eltern durchführten. Sie brachten ihren drei Töchtern Zsófia, Zsuzsa und Judit das Schachspielen bei und trainierten die Kinder mit viel Disziplin. Die 1976 geborene Judit bewegte mit 5 Jahren zum ersten Mal die Figuren und besuchte wie ihre Schwestern nie eine öffentliche Schule. Stattdessen Privatunterricht und 8-9 Stunden Schachtraining pro Tag – und das recht bald auch mit Trainern, die 2-3-mal pro Tag auftauchten. Kritiker nannten dies „unethisch.“
„Genies werden nicht geboren, sondern gemacht“, war dagegen das Credo ihres Vaters László, einem Psychologen. Zum Training gehörte auch das Auswendiglernen von abertausenden Stellungen. Eröffnung, Mittelspiel, Endspiel – die Trainingsdiagramme kann man mittlerweile als Buch kaufen, mehrere Kilo schwere Wälzer, die man nicht gleichzeitig tragen kann. Ein Lernkonzept, das im damals noch kommunistischen Ungarn eine Perspektive für die Zukunft in einem Land mit einer sehr hoher Arbeitslosenquote bieten sollte.
Auch Jahre danach beklagten sich die Polgar-Schwestern nicht über eine verlorene Kindheit. Besonders Judit nicht, die als 12-Jährige davon träumte, dank Schach irgendwann ein Schloss mit fünf Bediensteten zu besitzen, so der englische Journalist Dominic Lawson.
Trotzdem: Das „Experiment“ machte die Polgárs zu Außenseitern. Gelegentlich tauchten Polizisten mit Maschinenpistolen in der Wohnung auf und drohten mit Strafen und Gefängnis, berichtet der mittlerweile 80-jährige László Polgár in Kennedys Film. Es sollte lange dauern, bis Judit und ihre Schwestern in Ungarn positiv auf sich aufmerksam machen konnten. Dazu waren außergewöhnliche Erfolge erforderlich. Die Polgárs lieferten und nun auch im Westen Schach spielen.
„Nein, sie ist ein Mann!“
Rory Kennedys Film geizt nicht mit Bildern aus dieser Zeit. Etwas überraschend ist die Fülle des Filmmaterials und der Fotos, jeden Entwicklungsschritt des intelligenten Trios dokumentieren. Im Mittelpunkt des 93 Minuten langen Films steht aber Judit Polgár, auch in den Interviews. Nachvollziehbar, denn sie ist die Queen. Trotzdem hätte man gerne erfahren, was aus Zsófia und Zsuzsa geworden ist. Zsuzsa taucht immerhin häufig in den Interviews auf, die mit den Eltern, einigen Zeitzeugen und Schachspielern geführt wurden – darunter auch Gary Kasparow.
„Queen of Chess“ ist zum Glück kein Film, der wie in einem bebilderten Schachlexikon die Karrierehöhepunkte der Hauptfigur vorüberziehen lässt. Packend ist Kennedys Film immer dann, wenn er unaufdringlich thematische Schwerpunkte einschleichen lässt, bis man glaubt, das Essentielle selbst entdeckt zu haben.
Und worum geht es? Es ist die Frage nach der Chancenfreiheit einer hochtalentierten Schachspielerin in einer von Männern dominierten und eher misogynen Welt. So zeigt der Film einen jungen Bobby Fischer, der lachend erklärt, dass Frauen generell nicht intelligent sind, erst recht nicht beim Schachspielen. Gary Kasparow ist sich sicher, dass Frauen nicht das „Wesen des Kampfes“ erkannt haben und immer dann in Panik geraten, wenn sie mit unerwarteten Zügen konfrontiert werden. Außerdem würde das Geschrei ihrer Babys den Frauen die Konzentration beim Trainieren rauben. Kasparow verlor nur einmal gegen Judit Polgár, danach stellte er jovial fest: „Jetzt gehört sie zu uns!“ Immerhin, denn ansonsten hielt er Judits scharfen taktischen Stil für „primitiv, aber wirkungsvoll“.
Und was als Lob verstanden werden sollte, ist stattdessen diskriminierend. Über die 12-jährige Judit sagte ihr Trainer Lev Psakhis: „Sie ist eine Ausnahme, kein Mädchen!“ Das zu einem Zeitpunkt, als die drei Polgár-Schwestern zusammen mit Ildikó Mádl 1988 bei der Schacholympiade im griechischen Thessaloniki zum ersten und nicht zum letzten Mal die Goldmedaille für Ungarn gewannen.
Als Judit längst auf dem Weg zu einer ELO von 2700 unterwegs war, gaben ihre männlichen Gegner die Partie nicht einem Handschlag auf, sondern verließen wortlos das Brett. Das ist in „Queen of Chess“ tatsächlich zu sehen!
Abstrus war die Feststellung eines „Kollegen“, der die Frage, wie er sich nach einer Niederlage gegen eine Frau gefühlt hat, so beantwortete: „Sie ist ein Mann!“ Und Viktor Kortschnoi legte sich fest: „Ich verliere gegen eine Frau nur dann, wenn ich mich für Schach nicht interessiere. Das war heute der Fall.“ Hier ein kurzes Video über den wutentbrannten Viktor Kortschnoi nach einer Niederlage gegen Judit Polgár.
Nicht nur am Brett musste sich die „Queen of Chess“ durchsetzen, sondern auch in einer nicht besonders wohlwollenden Männerwelt. Judit Polgár gab die passende Antwort auf den 64 Feldern. Nicht in Frauenturnieren, sondern in offenen Turnieren. Dass sie mit 17 Jahren die Nummer eins der Frauenweltrangliste war, dürfte nur wenig Interesse bei ihr ausgelöst haben. Aber der 1992 von der FIDE verliehene GM-Titel schon eher.
Rory Kennedys Film ist besonders wegen dieser Background-Geschichte sehenswert. „Queen of Chess“ erzählt auch von den sportlichen Erfolgen sehr spannend, auch dank der umfangreichen Archivmaterialien. Etwa als Judit als einzige Frau bei der ungarischen Meisterschaft 1991 vor der Frage steht: Remis (reicht für den GM-Titel) oder Sieg (reicht für zwei Titel). Man kann sich denken, für was sie sich in der Partie gegen GM Tibor Tolnai entschied. Und man kann auch sehen, was ihr Gegner gefühlt haben muss, als seine Gegnerin bereits im 20. Zug die Taktikkeule rausholte.
Judit vs Gary
Das zweite Thema von „Queen of Chess“ ist der Kampf der besten Schachspielerin der Welt gegen Gary Kasparow – vor und neben dem Brett. Judit Polgár konnte den Weltmeister nur einmal besiegen. In Moskau (2002) verlor Kasparow, nachdem er die ewigen Sizilianisch-Schlachten der beiden beendete, die Berliner Verteidigung wählte und ausgerechnet im Endspiel regelrecht auseinandergenommen wurde.
Unter einem guten Stern stand die Rivalität der beiden nicht. Und das lag auch an einem Regelbruch Kasparows während des Superturniers im spanischen Linares (1994). Kasparow führte einen Zug aus, nahm ihn aber blitzschnell zurück. Kein J’adoube!
Judit Polgár hat sich zwar Jahre später mit ihrem Gegner ausgesöhnt, sorgt aber im Interview mit Rory Kennedy für einen Einblick in ihr Inneres. In Linares hatte sie auf einen Protest zunächst verzichtet (bereits ihre Einladung wurde als Sensation bewertet). Sollte sie in deutlich schlechterer Stellung und ohne einen Beweis den Weltmeister an den Pranger stellen? Sie traute sich nicht, zumal die TV-Kameramänner nicht mehr da waren.
Manchmal sorgt aber auch das Schicksal für unerwartete Wendungen. Die Kamera, die auf ihr Brett gerichtet war, wurde versehentlich nicht ausgeschaltet! Nach Judit Polgárs Bitte, das Videoband zu prüfen, war es unübersehbar: Kasparow hatte einen Springer gezogen und die Figur losgelassen. Für eine Zehntelsekunde, wie er später erklärte. Dann machte er einen anderen Zug. Es war einer der größten Skandale in der Schachgeschichte – und die ganze Welt konnte sehen, was wirklich passiert war!

Rory Kennedys Film endet im Jahr 2003 – es ist das Jahr, in dem Judit Polgár die 2700er-Marke knacken konnte. Auch nach dem Karriereende blieb die Ungarin dem Schach erhalten. Mir haben ihre Live-Kommentare bei Schach-Turnier immer gefallen, auch als sie vor einigen Jahren Co-Kommentator Magnus Carlsen darüber belehrte, wie man die aktuelle Stellung richtig spielt. Carlsen war verblüfft.
Judit Polgár – eine toughe und selbstbewusste Frau. Als Zehnjährige wurde sie in Deutschland während einer Pressekonferenz von den Journalisten als „abnorm“ bezeichnet. Sie weinte, aber sie lernte dabei etwas: „And then I decided at that moment: you know what? I don’t care and I won’t care. There’s absolutely nothing you can do about it. (…) I didn’t want the men’s pity. I didn’t want to share my pain with them.”
Daher fordert sie auch heute von schachspielenden Frauen mehr Mut und Willensstärke: Frauen würden sich zu früh mit Frauentiteln zufriedengeben, kritisiert sie. Wir erinnern uns: „Nie aufgeben. Bis zum Schluss kämpfen!“ Man kann nur hoffen, dass die jüngste der Polgar-Schwestern nicht die erste und letzte Frau war, die Männern am Schachbrett zeigt, wo der Hammer hängt.
„Queen of Chess“ – eine bemerkenswerte Dokumentation, die eine ungewöhnliche Geschichte nicht nur spannend erzählt, sondern auch nachdenklich stimmt. Denn Respekt erfuhr Judit Polgár erst, als ihre Gegner sie in den Adelsstand erhoben: Tatsächlich sei sie ein Mann, sie sehe nur so aus wie eine Frau. Und all das begann mit einem Experiment, das dazu führte, dass eine Frau zehn Weltmeister besiegte.
Postskriptum
- Die Zeiten haben sich geändert, oder? Vielleicht, aber in der 1. Bundesliga sind Frauen nur selten zu sehen. In der 2. Liga ist es nicht besser. Vielleicht liegt das auch daran, dass Frauen rein sprachlich betrachtet nicht Schach spielen. Wenn sie es doch tun, dann nennt man das „Frauenschach“. Es gibt aber kein Frauenschach, es gibt nur Schach.
- Und was wurde aus den Schwestern? Zsuzsa Polgár gewann mit vier Jahren die Budapester Mädchenmeisterschaft, wurde 1991 Großmeister und 1996 Schachweltmeisterin. Ihre beste ELO-Zahl war 2577. Der WM-Titel wurde ihr von der FIDE aberkannt, nachdem sie nach der Geburt eines Kindes um eine Terminverlegung für den Rückkampf gebeten hatte.
- Zsófia Polgár wurde 1990 Internationaler Meister (IM). Ihre beste ELO: 2505. Als Bobby Fischer 1993 die Polgárs in Ungarn besuchte, spielte er mit den Schwester sein „Fischer Random Chess“. Sofia schlug ihn dreimal nacheinander. Das Schachspielen gab sie 2010 auf.
