NETFLIX und das Schach: Der Streaming-Anbieter und die Sensationsgier

Vier Jahre sind vergangen, aber immer noch scheint die Carlsen-Niemann-Battle interessant genug zu sein, um eine fetzige Schach-Doku mit (zugegeben) ordentlichem Unterhaltungswert auf den digitalen Markt zu werfen. „Chess Mates“ ist eine von vielen Produktionen der Doku-Reihe „Untold“, in der NETFLIX spektakuläre Skandale, Morde, Drogenaffären und Gewalttaten nach eigener Aussage „investigativ“ aufklären will. Passt Schach zu diesem Format? Offenbar ja!

Züge aus dem Anus

Ein Blick zurück: Im September 2022 schlägt der Jung-Großmeister Hans Moke Niemann den damals noch amtierenden Schachweltmeister Magnus Carlsen beim Sinquefield Cup in St. Louis. Mit Schwarz. Carlsen is not amused. Er deutet verklausuliert an, dass es in der Partie nicht mit rechten Dingen zugegangen sei, er aber nicht mehr sagen könne: „If I speak, I am in big trouble.“ Danach reist er ab. Jeder hat aber verstanden, was gemeint war.

Tatsächlich ist die Partie auf einem Level, den man dem exzentrischen Niemann nicht zugetraut hatte. Womöglich wäre aber der große Skandal ausgeblieben, wenn ein anderer Berufskollege mit deutlich schlechterer ELO den Weltmeister geschlagen hätte.

Aber Niemann ist kein normaler Berufskollege. Immer wieder zeigt die Netflix-Doku, wie Niemann wie ein Irrer beim Hybrid-Schach (die Spieler sind während der Partie permanent über Webcams zu sehen) nach Niederlagen hasserfüllt in die Kamera brüllt. Ansonsten sind seine Umgangsformen bescheiden. Gelinde gesagt. Er pöbelt besiegte Gegner an, bezeichnet sich als genial, will einer der besten Schachspieler der Welt werden und freut sich andererseits wie ein Kind darüber, als er endlich zu einem Turnier der Schachelite eingeladen wird. Irgendwie obskur wie einst „Bobby“ Fischer, nur deutlich niveauloser. Und das will was heißen.

Dann holt Carlsen erneut aus. Beim Julius Baer Generation Cup trifft er erneut auf Niemann, macht den Eröffnungszug – und verlässt das Brett. 0-1. Nun ist der Skandal perfekt. Ist Niemann ein Cheater, der in seinen Partien (zumindest einigen) mit Hilfe einer Schachengine betrügt? Bloß wie?

NETFLIX zeigt mehrfach, wie Großmeister beim Betreten des Turniersaals elektronisch überprüft werden. Wie sollen sie da noch Hilfsmittel einschmuggeln? Aber plötzlich geht eine Story viral: Niemann habe vor den Partien vibrierende Analperlen rektal eingeführt, über die er die Züge erhalten hat. Von wem auch immer. „Chess Mates“ verliert über den heimlichen Assistenten kein einziges Wort. Aber Niemann ist über Nacht erledigt. Erst recht, als Elon Musk auf X anzüglich andeutet, dass Niemanns Genialität in seinem Hintern steckt.

In Talkshows dreht sich danach alles nur um die Züge aus dem Anus. Niemann erklärt postwendend, dass sein Ruf und sein Leben zerstört wurden. Er verklagt Magnus Carlsen, chess.com und sogar den Großmeister Hikaru Nakamura, der angedeutet hatte, dass Carlsens Verdacht nicht unbegründet sei. Die Schadenssumme: 100 Mio. US-Dollar.

Irgendwie ein bisschen BILD-Zeitung

Man muss in „Chess Mates“ genau hinschauen, um Böses ahnend hinter die Kulissen schauen zu können. Regisseur Thomas Tancred setzt nämlich auf Highspeed. Sein 74 Minuten langer Film ist eine rasante Mischung aus Kompilation und Interviews, also verfügbarem Archivmaterial und Interviewfetzen, die selten länger sind als 15 Sekunden. Hans Moke Niemann bekommt trotzdem ausgiebig Gelegenheit, sich als Bad Boy und Opfer einer Verschwörung zu präsentieren, während Magnus Carlsen von Tancred als besonnener und sachlicher Konterpart gezeigt wird, der über dem Skandal schwebt, ohne dass er belastende Beweise präsentieren muss. Nichtssagend sind auch die Schnipsel, in denen Hikaru Nakamura zu Wort kommt. Nakamuras Gags werden trotzdem häufig wiederholt – wie auch Niemanns Wutausbrüche.

Gibt es überhaupt Beweise? Eine Antwort geben die chess.com-CEOs Danny Rensch und Erik Allebest. Die erste ist unverblümt: „Die Analperlen waren super gut für uns“, räumt CEO Erik Allebest lachend ein. Und so wird „Chess Mates“ auch zur Erzählung über das Unternehmen chess.com, das pro Tag 200 Mio. User vorweisen kann und absoluter Marktführer ist.

Der Erfolg des kleinen Start-Ups begann, als die Schachbegeisterung während der Covid-Pandemie förmlich explodierte. Den Rest besorgte die NETFLIX-Serie „Das Damengambit“ – und schließlich die Analperlen. Und deren Vorgeschichte, denn Hans Moke Niemann musste einräumen, dass er in jungen Jahren beim digitalen Schach eine Schachengine benutzt hatte. Die Pointe: chess.com hatte den jungen Wilden mitsamt (oder gerade wegen) seiner Tobsuchtsanfälle zum Streaming Star aufgebaut. Und der schlug hart auf, als chess.com enthüllte, dass ihr Ex-Star auch später in mehr als 100 Partien seine „Hilfsmittel“ genutzt hatte. Moralisch war Niemann danach diskreditiert. Aber gab es Beweise für ein Cheating beim Sieg über den Weltmeister?

Nein, denn am Ende verwandelte sich der Skandal in heiße Luft. Chess.com sperrte zwar Niemanns Account und veröffentlichte 2022 den ellenlangen „Hans-Niemann-Report“. Der konnte regelmäßiges Cheating beweisen, aber nicht den Betrug beim Sinquefield Cup. Allerdings konnte chess.com mit dem Report zeigen, wie gut man gerüstet ist, wenn es um die Entlarvung von Cheatern geht. Schade nur, dass Rensch und Allebest nicht erwähnen, wie viele Accounts von namhaften Großmeistern bereits geschlossen wurden. Es sind viele. Darunter auch mehrfach der von Maxim Dlugy, dem früheren Coach von Hans Moke Niemann.

Niemanns Verleumdungsklage wurde im Juni 2023 abgewiesen, aber wenig später durfte er wieder bei chess.com spielen. Niemann ist inzwischen erfolgreich in verschiedenen Formaten unterwegs. Mit einer ELO von über 2730 ist er in der Elite angekommen. Auch Carlsen durfte sich vor einem halben Jahr freuen. Als er seinem Erzfeind in einem Blitzturnier wieder am Brett begegnete, versemmelte Niemann eine aussichtsreiche Stellung.
Trotzdem: über der ganzen Affäre schwebt der Verdacht, dass chess.com der eigentliche Sieger des Schachskandals ist. Denn im Dezember 2022 kaufte der Streaming-Konzern für 80 Mio. US-Dollar die „Play Magnus Group“. Es ist nicht zu gewagt, wenn man vermutet, dass die CEOs von chess.com den Weltmeister während der Verhandlungen bei Laune halten wollten. Offenbar gelang dies. Aber nach Veröffentlichung des „Hans-Niemann-Reports“ fühlte sich der Weltmeister veralbert.

So richtig weiß man am Ende nicht, was man von „Chess Mates“ halten soll. Man wird gut unterhalten, investigativ ist die Serie nur bedingt. Das Meiste ist nämlich bekannt. Als bebildertes Zeitdokument funktioniert das Ganze aber recht gut. Allerdings hat man ständig das Gefühl, eine BILD-Zeitungs-Story über einen schrägen Typen zu sehen, mit dem man sich nicht zum Bier verabreden würde.
Tatsächlich war Niemann nur einer von vielen exzentrischen Schachspielern, die Anfang der 2020er-Jahre die schillernde Kultur des digitalen Schachs prägten. Bis heute. 2022 schrieb The Guardian, dass zu dieser Kultur zunehmend Geschichten über Cheating, exzessiven Alkoholmissbrauch, Groupies und Todesdrohungen gehörten. Willkommen in der verrückten Welt des digitalen Schachs? Der Verfasser hat jedenfalls von diesen Geschichten nichts gehört…

Und Hans Moke Niemann? Der ist sich sicher, welchen Platz er in diesem schillernden Schach-Universum einnehmen wird. Carlsen wird älter, so Niemann, und er wird seine Fähigkeiten verlieren. Dann wäre er zur Stelle, der Betrogene und das Opfer einer Schach-Mafia. Denn eins sei klar: „Ich werde bis ans Ende meines Lebens ein eiskalter Killer sein!“

Nein, ich glaube nicht, dass dies die Welt der normalen Schachspieler widerspiegelt. Auch nicht die der digital Aktiven. Obwohl die NETFLIX-Serie gelegentlich suggeriert, dass die alten grauhaarigen Männer, die sich zum OTB-Schach (over-the-board) treffen, Auslaufmodelle sind. Die schönste Stelle der Schach-Doku erlebt man nämlich, wenn das Wort „Brett“ erklärt wird: Dies sei eine Holzfläche auf einem Tisch, an dem sich reale (!) Menschen gegenübersitzen und Figuren hin- und herschieben. Empfehlen kann ich „Chess Mates“ trotzdem.

Postskriptum

Der Verfasser hat sich die ominöse Gewinnpartie aus dem Sinquefield Cup genauer angeschaut. Folgt man dem aktuellen Stockfish 18, so haben beide Akteure sehr oft wie die Engine gespielt. Nach Carlsens Neuerung im 19. Zug spielte Niemann 10x wie Stockfish, 4x nicht. Im 34. Zug versaute er seine Gewinnstellung einzügig. Carlsen konnte dies aber nicht nutzen. Sein 42. Zug machte aus seiner -0.35-Stellung einen -4.0-Trümmerhaufen. Niemanns Stellung anschließend zu gewinnen, hätte auch einer unserer Oberliga-Spieler hinbekommen.

Quellen