Beim Big Techday 26, der von der TNG Technology Consulting ausgerichtet wurde, ging es im Mai 2026 nicht nur um Quantencomputer, Robotik, Programmiersprachen und IT-Security & Datenschutz, sondern natürlich auch um Künstliche Intelligenz. Und um Schach. Genauer gesagt: um Schach-Engines. Als Referent gelang dem deutschen Großmeister Matthias Blübaum ein toller Vortrag und ein bemerkenswerter Blick in die Welt der Profis. Und dort geht nichts mehr ohne Engine.
KI und Schach – eine komplizierte Beziehung
Wie und warum professionelle Schachspieler mit einer Künstlichen Intelligenz trainieren und wie Engines die Entwicklung des Schachs beeinflussen, konnte der Großmeister praxisnah vermitteln. Bemerkenswert, denn ein Teil des Publikums war „vom Fach“. Also Informatiker, Programmierer, darunter sicher auch Experten, die wenig vom Schach verstehen, aber wissen, wie die Algorithmen einer Monte Carlo-Simulation funktionieren. Blübaum konnte auch in der Fragerunde auf diesem Level mühelos mithalten.
Der Großmeister kam in seinem 53-minütigem Vortrag schnell zur Sache. Die Geschichte der Engines wurde auf das Notwendigste beschränkt: Der Sieg von Deep Blue gegen Gary Kasparov, die vorübergehende Dominanz der Brute-Force-Methode und der Siegeszug der Neuronalen Netzwerke NNUE (Efficiently Updatable Neural Networks) wurden kurz abgehandelt. Denn das zentrale Thema war die Trainingspraxis der Großmeister.
Blübaums Fazit: Engines wie Stockfish 18 und Leela Chess Zero (LCO) können das Spiel nicht restlos entziffern wie in einer Sechssteiner-Datenbank, interpretieren es aber auf einem so hohen Niveau, dass eine weitere Leistungssteigerung der beiden führenden Engines nicht mehr von großer Bedeutung wäre. Stockfish kann schon jetzt 500 Mio. Positionen/sec berechnen. Ein Mensch würde dafür knapp 16.000 Jahre benötigen.
Profis wie Blübaum trainieren daher mit Stockfish, das je nach Quelle eine ELO zwischen 3600 und 3750 hat, aber auch mit Leela. Die basiert auf dem Reinforcement Learning: die Engine bringt sich das Schachspiel selbst bei, indem sie -zig Millionen Partien gegen sich selbst spielt. Dabei findet Leela kreative Ideen hat, die Stockfish nicht entdeckt.
Blübaum ist davon überzeugt, dass die Mär vom Remistod des Schachs daher nicht real werden wird. Es wird kein gläsernes Schach geben, in dem alle Eröffnungsvarianten vollständig analysiert worden sind. Forcierte Varianten kommen vor, aber tendenziell führen die von der KI generierten Varianten zu einem dynamischen Schach, auf das sich ein Profi einstellen muss. Und dabei vermitteln die Engines das Gefühl, dass sie intuitiv denken können, so Blübaum.
Eine Fähigkeit, auf deren Basis sich auch die menschliche Kreativität entfalten und entwickeln kann. Trotzdem spielt das Gedächtnis weiterhin ein wichtige Rolle. Profis, die eine umfassend analysierte Variante spielen, unterziehen ihre Gegner damit einem Gedächtnischeck: Wie lange hält der Gegner durch? Was hat er vergessen und wann? Blübaum erklärte dies sehr unterhaltsam am Beispiel der Partie Nakamura – Sindarov. Sindarov, der schon mit 12 Jahren Großmeister wurde, gewann den Gedächtnischeck! Sein Gegner spielte einen Zug, der in ähnlichen Stellungen zu großem Vorteil führt, aber nicht in dieser Partie!
Die Alternative: Man spielt eine unforcierte Variante, die nicht ganz so gut ist, aber einen Überraschungseffekt bereithält. Also Schach à la Leela Chess Zero. Dies, so Blübaum, sind die wichtigsten Faktoren im professionellen Schach. Ein spannender Vortrag, den ich uneingeschränkt empfehlen kann.
Hilft die Engine auch Amateuren?
Wünschenswert wäre es aber gewesen mit dem geballten Know-how, das der Blübaum vermittelte, auch die Welt der Amateure zu betreten. Denn sie arbeiten auch mit Engines. Für die stärkeren Spieler dürfte eine professionelle Vorbereitung auf den nächsten Gegner alternativlos sein. Aber die generelle Verbesserung der eigenen Spielstärke ist ein anderes Thema. Die dafür erforderliche Trainingsarbeit ist ohne Zeitinvestment nicht zu stemmen.
Ich habe einfach ChatGPT gefragt – und die KI hat mir für ambitionierte (!) Spieler ab DWZ 1800 10-15 Stunden pro Woche und den Rahmentrainingsplan Schach (RTP) des Deutschen Schachbunds um die Ohren gehauen. Bei Spielern an DWZ 1400 sind es 4 bis 8 Stunden.
Amateure ohne diesen Trainingsaufwand bleiben jahrelang auf einem fast gleichbleibenden Level, bis das Alter seinen Tribut fordert. Graphik 1 zeigt ein typisches DWZ-Profil eines Amateurs, der sich konstant im Korridor 1600-1700 bewegt und nur gelegentlich eine Performance abliefert, die 300-400 P über der eigenen Spielstärke liegt. Immerhin.
Spieler, die sich intensiv mit Schach beschäftigen (bis hin zu eigenen Trainer) bewegen sich auch in einem Korridor, aber die Schwankungsbreite beträgt 200 P oder mehr. Beispiel: Spieler mit einer DWZ von 1600 oder mehr erreichen durch eine Trainingssteigerung spätestens nach zwei Jahren ein Rating von 1800-1850. Der wellenartige Korridor befindet sich dann auf dem neuen Level.
Anders sieht die Kurve eines Spielers aus, der sehr früh das Schachspielen lernte, Talent besitzt und als Jugendlicher gezielt gefördert wurde und fast unfallfrei Großmeister wurde. Die KI spielte dabei sicher eine Rolle, aber wichtiger sind die Themen – vom Minoritätsangriff bis zum d-Isolani. Der Rahmentrainingsplan benötigt 42 Seiten, um das alles mitsamt Curriculum aufzulisten.
Graphik 2 zeigt das typische Ratingprofil eines solchen Großmeisters. Man sieht deutlich weniger Performance-Ausschläge nach unten.
Hypothese: Vermutlich muss man von Beginn an sehr intensiv trainieren, nicht nur mit KI. Anderenfalls ist die Gefahr groß, dass man einen bestimmten Level nicht mehr überschreiten kann.
Wie kann ein Amateur von einer Engine profitieren?
Die Engine zeigt uns die „Wahrheit“ der Eröffnungen, ein Begriff, den Matthias Blübaum verwendete. Aber hinter der „Wahrheit“ verbergen sich strategische Pläne, die man kennen sollte, um nicht nur die taktischen, sondern auch die positionellen Engine-Varianten zu verstehen. Dafür gibt es nicht nur den Rahmentrainingsplan, sondern jede Menge Bücher und Videokurse, auch online und häufig umsonst. Investiert man in dieses Know-how, dann steigt der Wert der Engine um ein Vielfaches.
Hat man nämlich eine Grundlage mit Substanz, lohnt sich für den Amateur die Engine. Zumal – und das ist wirklich brauchbar – die Engine im aktuellen ChessBase sogar die weitreichenden Pläne (in Schriftform) erklärt, die mit einem Zug verbunden sind. Derart ausgerüstet kann man der nächsten Partie gelassen entgegenblicken.
Zuhause zeigt einem dann die Engine, dass man zweimal ein Matt in 4 nicht gesehen hat. Und spätestens dann ist Stockfish nicht mehr unser bester Freund. 🙂
Quellen: Deutscher Schachbund


