Hohe Intensität beim Lehrter Sommerturnier

Mit dem Comitec-Open bietet der der SK Lehrte ein attraktives Turnierformat an, das am 20. Juli zum dritten Mal ausgetragen wurde. Viele Teilnehmer kamen aus Hannover und den süd-östlichen Teilen Niedersachsens. Aus dem Osnabrücker Raum kam leider nur einer: Tom Spierenburg. Und der hatte das Wort „Remis“ aus seinem Wortschatz gestrichen.

Turnierformat mit hoher Intensität

Als Sommerturnier kann man das Open aufgrund seines guten Konzepts nachdrücklich empfehlen. Zwei Eigenschaften machen das Lehrter Turnier interessant: es wurden neun Runden gespielt. Das Open gehört also nicht zu den Weekend-Turnieren mit 7 Runden.
Zweitens gab es ein IM-Turnier, das zehn ambitionierte Spieler aus dem ELO-Bereich 2200-2350 anzog. Unterstützt wurde die Veranstaltung von der Comitec Group als Hauptsponsor und der Niedersächsischen Lotto-Sport-Stiftung.

Gut war die Öffentlichkeitsarbeit. Die Turnier-Website des Veranstalters machte einen aufgeräumten Eindruck. Und sie war schnell. Also kein stundenlanges Warten auf die Ergebnisse. Zudem konnten Schachfreunde aus der Ferne bis zu 32 Partien bei Lichess im Live-Modus verfolgen.
Wenn es überhaupt etwas zu vermissen gab, dann sind es atmosphärische Bilder aus dem Turniersaal. Die Siegerfotos gibt es im Blog des Veranstalters – und zwar hier.

Auch Tom war mit Abstrichen zufrieden: „Das Turnier war an sich sehr gut organisiert. Es war sehr ruhig und angenehm im Spielsaal. Es war das Kurt-Hirschfeld-Forum, wo auch das Gymnasium Lehrte ist. Das Cateringangebot war etwas mager, da man nur Wasser und Kaffee kaufen konnte, obwohl es mehr als 120 Teilnehmer gab. Ein Cateringangebot zumindest an den Tagen, wo es Doppelrunden gab, hätte sich gelohnt.“

Das Turnierformat:

  • A-Open (ab 1900 ELO)
  • B-Open (1700–2000 ELO)
  • C-Open (bis 1750 ELO)

Die Bedenkzeit: 90 Minuten für 40 Zuge, 30 Minuten für den Rest der Partie, 30 Sekunden pro Zug ab dem ersten Zug.

Und wer gewann was?

Typisch für so ein Turnierformat ist die Intensität. Unsere ehemaligen Wijk aan Zee-Fahrer wissen, was gemeint ist. Nämlich neun Runden, in denen man meistens Gegner aus dem eigenen Spielstärke-Bereich bekommt. Also keine lockeren Must-win-Siege gegen leichtere Gegner.

IM-Turnier

In der ersten Runde verloren und am Ende doch der Sieger: der für Werder Bremen spielende FM Nikita Nechitaylo (2327) gewann das IM-Turnier mit einem Punkt Vorsprung (+ 6 = 1 -2) und holte sich die erste IM-Norm. Auf Platz 2 und 3 folgten IM Jaroslav Bures und FM Gerrit Hourigan mit jeweils 5,5 P.  Zigurds Lanka, der einzige GM im Turnier, landete abgeschlagen im Mittelfeld.

A-Open
Quelle: © SK Lehrte

Im A-Turnier gingen 33 Teilnehmer an den Start. IM Collin Colbow (2445) stand nur einmal nicht auf Platz 1. Der für Werder Bremen in der 2. Bundesliga spielende Meister marschierte  mit +7 =2 -0 easy durch das Turnier.
FM Volodymyr Medvedyk konnte mit 7,5 einigermaßen mithalten, aber bereits der drittplazierte CM Ata Kolat lag in der Endtabelle zwei Punkte hinter Colbow. Skurril: Trotz des furiosen Auftritts hätte der Bremer Turniersieger nach alter Berechnung einen DWZ-Punkt verloren.

B-Open

Tom Spierenburgs Performance im B-Open (47 Teilnehmer) lag irgendwo zwischen genial und zum Haarausraufen. In der ersten Runde  erreichte Tom mit Weiß gegen den theoretisch gut vorbereiteten 16-jährigen Iven Unruh (SC Turm Drolshagen) eine gute Stellung. Nach dem 25. Zug seines Gegner stand unser Taktikexperte sogar klar auf Gewinn, verpasste aber die Entscheidung. Im 36. Zug war der Drops endlich gelutscht, das Endspiel war gewonnen. Dann übersah Tom eine einzügige Springergabel…0-1!
Und Schachfreund Unruh? Der gewann danach souverän das Turnier.

Nach dem Turnier analysierte Tom diese Niederlage sehr kritisch: „Mit dem reinen Ergebnis bin ich nicht zufrieden, weil ich eigentlich nach einer starken Saison nochmal einige DWZ-Punkte dazugewinnen wollte. Im Nachhinein bin ich trotz der mäßigen Ausbeute dennoch zufrieden, weil für mich die Vorteile durch die Spielpraxis und die gesammelten Erfahrungen überwiegen. Meine beste Partie hatte ich aus meiner Sicht in der ersten Runde gegen den späteren Turniersieger. Denn in der ersten Runde habe ich mehr auf Automatismus und Intuition gespielt, beziehungsweise einfach gespielt wie ich es eben kann. Die Runden danach habe ich nach meinem Gefühl zu viel auf einmal ändern wollen und aktiv reflektiert, hinterfragt oder analysiert, was ich besser machen kann. Dadurch entstand ein künstlicher Druck von meiner Seite. Ich hab nicht so frei gespielt wie in der ersten Runde.“

Runde 2 war trotzdem erfolgreicher. Gegen Dennis Alker, der das Turnier auf Platz 40 beendete (3 P), zeigte Tom, dass er mit den schwarzen Steinen ein gefährlicher Konterspieler sein kann.

Etwas kann man Tom nicht vorwerfen: Mutlosigkeit. Er sucht gern nach taktischen Scharmützeln. Mitunter gibt es aber Gegner, die humorlos im gleichen Gebiet unterwegs sind. Die sehenswerte Taktik von Lucas Scholz in der folgenden Partie ist ein gutes Beispiel: sie führte zu einem gewonnenen Endspiel, in dem Toms Verlust des h-Bauern entscheidend war. Lucas Scholz landete am Ende mit 4 P  auf Platz 40, also ein Platz vor Tom.

Runde 4: erneut ein Schwarzsieg, der aber hart erkauft war. Denn der 14-jährige Pham Dai Thien Nguyen (KSV Rochade Braunschweig) spielte genauso scharf wie Tom und stand nach sage und schreibe neun Zügen auf Gewinn. Diesmal war es Tom, der davon profitierte, dass sein Gegner nicht durchhalten konnte. Bereits nach dem 14. Zug stand Tom auf Gewinn – und er zog es durch! Immerhin fuhr der Braunschweiger mit 4 P und einem DWZ-Plus von 162 nach Hause.

2 P aus vier Partien waren okay. Leider folgte dann die „lange Rochade“: Tom (Archivfoto rechts)  verlor drei Partien en suite. Gegen Hennig Olde stand er im 22. und 30. Zug auf Gewinn und überwiegend gut. Das Endspiel gewann dann SF Olde (SG Glückstadt), der als Dritter das Turnier beendete. Ging Tom im letzten Partiedrittel die Luft aus? Gegen Holger Hertel gab es eine weitere Niederlage mit Weiß. Hertel war gut vorbereitet und gewann trotz einiger Fehler insgesamt verdient. Für Tom war ein Remis nicht ganz unkompliziert erreichbar. Hertel wurde mit 5 P  Siebzehnter.

Runde 7: Jürgen Pölig spielte in der vergangenen Saison für Caissa Wolfenbüttel in der Verbandsliga Ost. An 11 gesetzt, war er de facto aber Stammspieler und spielte recht gut. 5,5 P (8) und eine Performance von knapp 1900 waren ein wichtiger Beitrag, denn Caissa stieg in die Landesliga auf.
Trotzdem eine lösbare Aufgabe für Tom. Und tatsächlich spielte er mit Schwarz eine brillante Partie. Vielleicht seine beste in diesem Turnier. Gefühlt 80% der Züge hätte auch Stockfish gespielt. Bereits nach 17 stark gespielten Zügen war klar, das Tom auf Gewinn stand. Und wie verliert man das?

Toms Zeitmanagement war entgleist. Die Zeitüberschreitung war bitter. SF Pölig landete mit 4,5 P auf Platz 26. Und Tom? Die Bilanz nach sieben Runden: zwei Siege und fünf Niederlagen. Und das, obwohl Tom in nur einer Partie dauerhaft unterlegen war.  Nun also Platz 40 und einen halben Punkt vom vorletzten Platz entfernt. Es musste ein Doppelschlag her.

Schlussspurt und Bilanz

22. Txc6!

In der 8. Runde wurde Rüdiger Hengst (Schwarz) bereits in der Eröffnung überrollt und musste die Dame für zwei Figuren geben. Sehr kreativ war nun Toms 22.Txc6, denn Weiß will nicht herausfinden, ob die bevorstehende Turmverdoppelung von SF Hengst zu etwas Gegenwind führt. Toms Opfer führte zu einem schnellen und harten Angriff, der später mit einem Matt endete. Für den beim FC Wohlde spielenden Gegner war es die fünfte Niederlage en suite (abgesehen von einem kampflosen Sieg). Für Tom war es die Wende. Nun musste noch ein Sieg gegen Hannes Dralle (FC Lachendorf) her.

Toms Gegner, der ein glückloses Turnier gespielt hatte, wollte in der letzten Runde aber kämpfen. Das tat er dann auch. Pech für ihn, dass Tom eine makellose Partie spielte. Im 23. Zug wählte SF Dralle dann ein schlechtes Springermanöver, das Tom mühelos widerlegen konnte.

An 35 gesetzt landete Tom Spierenburg auf Tabellenplatz 29. In der Gruppe mit 4 P war er der zweitbeste Spieler – ein Indiz für starke Gegner. Seine DWZ-Verluste sind gering (-2). Alles befriedigende Details.
Nachdenklich stimmt allerdings die Weißbilanz. Hier gelang in vier Partien nur ein Sieg, während mit Schwarz drei von fünf Partien gewonnen wurden.
An der Eröffnungswahl lag es in den Weißpartien eher nicht. Entscheidend waren eher Fehler in zweiten Partiehälfte. Beeindruckend war dann Toms Schlussspurt, der vielen Spieler in so einer Situation mental nicht gelingt. Und wer weiß, was passiert wäre, wenn unser Mitstreiter die erste Partie gewonnen hätte…

Tom hat nach einigen Ups und Downs reflektiert, was es außer Punkten noch zu gewinnen gab: „Eine Stärke von mir war, dass ich an jedem Abend vor der nächsten Runde mir die Spielweise meiner Gegner angeschaut habe und wusste, wie ich mich gegen meinen Gegner aufbauen möchte und welche Ideen daraus folgen. Das ist mir insbesondere gegen Olde, Pölig und Dralle gelungen. Ich sehe bei mir persönlich noch viel Verbesserungspotential bei der reinen Gedankenstruktur. In mehreren Situationen habe ich einzelne und forcierte Gewinnwege für mich oder meinen Gegner nicht gefunden. Eine tiefere Variantenberechnung oder Berechnung von Kandidatenzügen muss zum Standard meines Denkprozesses werden. Zudem würden einfache Fragen wie „Was verlangt die Stellung von mir? Welchen Figuren darf ich tauschen oder nicht tauschen?“ helfen, den Charakter der Stellung besser zu verstehen, um daraus die richtigen Züge abzuleiten.“

C-Gruppe

Hier teilten sich Timo Felis, Volker Dittert und Samuel Janning mit 7 Punkten den ersten Platz. Nach Feinwertung gewann SF Felis denkbar knapp. 57 Teilnehmer gab in in dieser Gruppe – bemerkenswert.

Quellen:

Foto: © SK Lehrte 2026