Hellerns Sechste unterliegt in Lemförde

Die TuS Lemförde ist noch immer ein „Neuling“ im Schachbezirk, geht der Verein doch erst in die zweite Saison. Dass der Verein den Schachbezirk bereichert, hat er aber bereits gezeigt. Gestern konnten die Spielerinnen und Spieler aus Hellerns Sechste sich selbst davon überzeugen. Nach ansehnlichen und zum Teil auch sehr unterhaltsamen Partien setzten sich die Lemförder mit 4:2 durch.

Dass Lemförde Besonderes zu bieten hat, sieht man bereits am Spielort: Es ist das Mutterhaus Altvandsburg, in dem die Ordensschwestern nach dem Krieg ihr zu Hause fanden. Das Areal beherbergt heute ein Seniorenheim, ambulante und Tagespflege und natürlich das Kloster selbst. Ein außergewöhnlicher Ort für einen Schachwettkampf!

Vor dem Wettkampf erhielt ich (Robert Gillenkirch) Nachricht von Martin Willmann: Wir sind im Lande, Merle und Sebastian spielen gern mit! Da wir Jonas Schemann an die Vierte abgaben (der dort mit einem Remis zum 6:2 Erfolg beitrug), waren die Bretter 5 und 6 frei, also: Deal! Daneben waren Simon Brakman, Manuel Kamps und Konstantin Hindersmann einsatzbereit.

Lemförde spielt in dieser Saison mit einem reichlich überqualifizierten ersten Brett: Udo Hasenberg ist nun nicht mehr nur für Werder Bremen, sondern am Brett für die Lemförder aktiv. Vorne war es damit ein Duell auf Augenhöhe, und auch sonst versprach der Wettkampf spannende Partien:

Lemförde – Hellern 6: Einzelergebnisse (Quelle: nsv-online.de)

Merle und Sebastian spielten ihre allererste Partie in einem Mannschaftskampf, also mit der extrem langen Zeitvorgabe 2 Stunden für 40 Züge plus 1 Stunde für den Rest der Partie („ist nach der Partie schon Weihnachten?“). Die Trainervorgabe lautete entsprechend nur: Habt Spaß und spielt nicht zu schnell! Das taten die beiden in eindrucksvoller Weise.

Dass sie verloren, hatte eigentlich nur einen Grund: Mangelnde Erfahrung. Merle hielt die Stellung fast über die gesamte Partie ausgeglichen, hatte irgendwann wohl sogar eine Gewinnstellung (den Zeitpunkt habe ich verpasst, aber Simon ist sich sicher), aber lief schließlich in einen Abzug ihres Gegners, der sie den Turm und die Partie kostete. Ansonsten: Famose Leistung! Dasselbe gilt für Sebastian, der seinen Gegenüber, mit einer DWZ von 1245 sogar der drittstärkste Spieler seines Teams, überspielte, aber das Endspiel leider nicht zum Gewinn brachte. Auch bei ihm war es die Erfahrung, die fehlte, um den Punkt zu holen. Es ist nur eine Frage der Zeit!

An den übrigen Brettern sah es überwiegend gut aus: Manuel Kamps sah sich einem königsindischen Aufbau gegenüber, und wer Manuel kennt, der weiß, dass ihm das nicht gefiel. (Nun: Genau genommen gefällt Manuel sowieso fast nichts, was seine Gegner spielen!) Dennoch baute sich Manuel sehr vielversprechend auf und ging bald zum Angriff über…

Derweil war Konstantin an Brett 4 schon fast fertig. In der Eröffnung hatte er seinen Gegner überspielt, zwei Bauern gewonnen, und dann startete er auch noch einen Königsangriff. Das hätte eigentlich reichen müssen, wenn Bruder Leichtsinn nicht mit nach Lemförde gefahren wäre. Der kostete zunächst eine Leichtfigur, was Konstantin durch sein sattes Plus an Bauern ausgleichen konnte. Dann aber schwanden auch die Bauern dahin, und am Ende war kein Gewinn mehr drin, weder für Konstantin (dem noch immer die Leichtfigur fehlte) noch für seinen Gegner (der keine Bauern mehr übrig hatte). Eine äußerst unterhaltsame Partie, aus der Konsti sicherlich seine Lehren, was das Thema „Vorteil realisieren“ angeht, ziehen wird. Insgesamt von ihm eine starke Leistung, der er nur leider nicht die Krone aufsetzte.

Simon antwortete auf die englische Eröffnung seines Gegners mit einem sehr beliebten und soliden schwarzen Aufbau. Als es plötzlich taktisch wurde, war Simon der stärkere Rechner, und obwohl er nicht immer den besten Zug spielte, hatte er bald darauf eine Mehrfigur. Den Vorteil brachte er sicher durch. Hier spielt jemand, dessen Wertungszahl bei Finanzanalysten mit einem „strong buy!“ kommentiert würde.

Ich selbst wählte einen recht langweiligen Beginn, und es war an meinem Gegner, Stimmung in die Stellung zu bringen. Da ließ ich mit auch nicht lange bitten und setzte sehr aktiv, aber leider nicht gut fort. So entstand eine offene Stellung in der mein König mich etwas verwirrt fragte, warum ich in dermaßen in die Zugluft gestellt hatte (linkes Diagramm).

Gillenkirch – Hasenberg: Stellungen nach dem 23. Zug von Weiß (links), nach dem 24. Zug (mitte) und nach dem 26. Zug von Weiß (rechts).

Es folgte 23. … Lh6! und nun würde es für Weiß nach 24. Tc2? Le3+ 25. Kh1 Sh5 sehr ungemütlich werden. Ich fand zu meinem Glück 24. Df3! und opferte die Qualität mit 24. … Lxc1 (Diagramm mitte). Weiter ging es mit 25. Dxf6 (ja, das ist stärker als Lxf6) Dxf6 26. Lxf6 (rechtes Diagramm). Nun hatte wir beide übersehen, dass Schwarz seine Mehrqualität mit 26. …, Le3+! 27. Kh2 Lb6! behalten kann. Statt dessen folgte 26. … La3 und nach dem Vorrücken meines Freibauern gab Schwarz die Qualität einfach wieder zurück (27. d6 Te6 28. Lxb7 Tb8 29. d7 Txf6 30. d8D+ Txd8 31. Txd8+ =), wonach die Luft komplett aus der Partie gewichen war. Der Remisschluss folgte …

… nachdem wir uns noch angesehen hatten, wie Manuel seine Partie beendete. Seinen Angriff spielte er mutig und entschlossen weiter und opferte eine Leichtfigur – objektiv sicher nicht gut, aber am Brett muss man das erst einmal verteidigen. Hier aber zeigte sich der Lemförder Philipp Rest voll auf der Höhe, so dass er bald auf Gewinn stand. Einen Trick von Manuel übersah er noch (oder ließ er ihn  bewusst zu?), das danach entstehende Spiel mit Manuels Dame gegen zwei schwarze Türme aber war nicht zu halten, denn Manuels König war eingeklemmt und konnte sich vor Turmschachs oder Fesselungen seiner Dame nicht in Sicherheit bringen. So war die Dame irgendwann verloren und mit ihr die Partie. Schade, nach dieser starken Leistung hätte er mehr verdient gehabt!

Insgesamt wie in der ersten Runde ein äußerst unterhaltsamer Schachnachmittag. Im Vergleich zur Saison 2019/2020 vor der Pandemie ist die 1. Kreisklasse mit weniger Mannschaften besetzt, diese aber sind durchweg sehr stark, so dass wir nicht auf viele Mannschaftserfolge hoffen können. Was uns völlig egal ist, denn wir haben auch so Spaß!