Nach dem Staufer Open ist vor dem Staufer Open. Das ist kein Kalauer, sondern ein Bekenntnis. Wer einmal da war, kommt immer wieder. Warum das so ist, erklärt Jörg Stock in seinem Rückblick. Ein anderen Blickwinkel hat der Redakteur, der sich mit Fakten, Zahlen und Statistiken beschäftigt hat. Vom Außergewöhnlichen bis zum blanken Horror ist alles dabei.
Der perfekte Jahresauftakt
Ein Rückblick von Jörg Stock
„Wo man Freunde trifft“ – wohl kaum ein Motto passt besser zu einer Veranstaltung wie dieses zum Staufer Open. Bereits zum 36. Mal in 38 Jahren fand das grandiose Schachturnier, wie immer vom 02.-06.Januar, in der ehemaligen Reichsstadt Schwäbisch Gmünd im württembergischen Ostalbkreis statt.

Nur in der Coronazeit gab es eine zwangsweise Unterbrechung. Seither nimmt die Beliebtheit weiter von Jahr zu Jahr wieder zu. So konnte dieses Jahr erstmals die Teilnehmerzahl von 600, aufgeteilt in A-Open (317) und B-Open (289), übertroffen werden. Teilnehmer aus 20 Ländern und 3 Kontinenten, eine Quote von über 10% Schachspielerinnen, unzählige ambitionierte Kinder, Jugendliche und Junioren, gespickt mit deutschen Spitzenspielerinnen und Spitzenspielern, sowie eine Vielzahl alter Haudegen machen die Veranstaltung zu einer großartigen Völker- und Generationenverständigung auf 64 Feldern. Die Helleraner Abordnung gehört dabei allerdings zunehmend zu letztgenannter Gruppe.
Auch die Zahl der Teilnehmer des SV Hellern nimmt nach dem Corona-Loch wieder kontinuierlich zu. Vergrößert wurde die Reisegruppe durch ehemalige und langjährige Schachfreunde aus Nürnberg und aus Emsdetten, diesmal sogar mit zwei Damen. Insgesamt 15 Personen sprengten dann aber doch manchmal die Tischkapazitäten der ansässigen Gastronomiebetriebe.

Perfekt für ein Schachturnier, als wäre er dafür gebaut worden, ist der Peter-Parler Saal im Congress-Centrum Stadtgarten. Die kaskadenartige Konstruktion liefert genug Platz und Beinfreiheit an jedem Brett sowie verschiedene Blickwinkel für Kiebitze ohne die Spieler zu stören. Auch die etwas abgegrenzten Bretter 1-10 des A-Open und das Spitzenbrett im B-Open sind für Zuschauer hervorragend einsehbar. Beim Herumflanieren durch den Saal und die Reihen ist manchmal fast störend, dass man selbst eine Partie zu spielen hat. Das Ganze wird durch eine perfekte Organisation, ein unauffälliges Schiedsrichterteam, einen großen Analysebereich, ein Catering und einen umfangreichen Schachbücherstand abgerundet.
Und auch die übrigen Rahmenbedingungen lassen fast nichts zu wünschen übrig. Die Helleraner Truppe stieg wie im Vorjahr im zentral gelegenen Hotel Pelikan ab, ein Mittelklassehotel mit ordentlichem Frühstücksbuffet. Und mittags oder abends laden zahlreiche Gastronomiebetriebe zum Schlemmen und Fachsimpeln ein. Hier sind vor allem zu nennen der legendäre „griechische“ Walfisch, das gerade wieder eröffnete „Wichtel“ im ehemaligen Paulaner, das wie aus der Zeit gefallende nostalgische Café Margrit und ein erst im Vorjahr entdecktes hervorragendes indisches Restaurant, das sogar den Ruhetag für die Schachspieler opferte, wovon wir gerne Gebrauch machten.
Gibt es auch etwas Negatives ? Den ganzen Spaß gibt es natürlich nicht kostenlos. Anreise, Startgeld, fünf Übernachtungen und regelmäßige Einkehr haben ihren Preis. Da trauern sicherlich einige noch der sehr günstigen Unterkunft in der Finanzschule aus früheren Jahren nach. Bestände diese Möglichkeit noch, wären sicherlich 700-800 Teilnehmer möglich. Und auch schachlich gesehen ist am Ende des Turniers nicht jeder vollends zufrieden. Aber insgesamt ist und bleibt das Turnier für einen die Geselligkeit liebenden Schachenthusiasten der perfekte Jahresauftakt. Und im Grunde freut man sich schon wieder auf das nächste Jahr.
Jörg Stock
A-Gruppe
Sieger im A-Open wurde Vitaly Sivuk. Der ukrainische GM spielt unter schwedischer Flagge und gewann die ersten fünf Partien. In den Runden 6-9 remisierte er 3x, was aber mit insgesamt 7,5 P für den ungeteilten 1. Platz reichte. Der an 1 gesetzte Chinese Li Min Peng wurde Sechster.

Der Beste aus der Helleraner Reisegruppe bleibt schachlich anonym. Holger Lehmann spielte ein überragendes Turnier, aber leider liegen bis auf eine Partie, die im einem vorangegangenen Bericht vorgestellt wurde, keine weiteren Partien vor. Während einigen der Schlussspurt nicht gelingen wollte, verbuchte Holger in den letzten vier Runden 2½ P. Die ELO-Performance war exzellent, ein Platz in den Top 100 war die Belohnung. In der DWZ-Auswertung brachte dies ein Plus von 14, das nur ganz knapp die Grenze von 2100 verpasste.

Ganz anders Jörg Stock, der neun akribisch analysierte Partien vorlegte und einen schönen Einleitungstext schrieb.
Verblüffend: alle Weißpartien in den Runden 1-5 wurden verloren, drei davon gingen auf Jörgs Konto. Folglich gewann er alle Schwarzpartien. Erschwerend: Jörg musste 2x gegen einen FM ran. Beide Partien wurden auf Augenhöhe gespielt, so um den 30. Zug herum machten die beiden FIDE-Meister weniger Fehler. Witzig: Qualleopfer spielten dabei eine entscheidende Rolle.
Gegen FM Hasanov reichten die Freibauern nach dem Qualleopfer nicht für ein Remis. Gegen FM Oberhofer hätte 35.Txe5 dagegen ein Remis erzwungen (jedenfalls wenn man Stockfish glaubt!). Jörgs Endspurt in den Runden 6-9 war aber beachtlich (2½ P). Die finale Niederlage gegen Nikita Weber war dagegen vermeidbar. SF Weber gewann bereits mit sechs Jahren seine ersten Turniere. Gegenwärtig spielt er für den SV Worms 1876 in der Oberliga Süd-West und fand im Turmendspiel dann leider den jeweils einzigen Gewinnzug. So musste Jörg mit einem DWZ-Minus von 16 P die Heimreise antreten. In der Tabelle überrundete er einen FM und etliche WGM. Das ist doch was, oder?
Die meisten Partien von Jörg waren komplex. Unterhaltsame Action gab es in der 7. Runde.
Anm.: Der PGN-Player funktioniert wieder einmal nicht in einigen Browsern. Ich empfehle den „Edge“-Browser, Reinhold hat mit „Google Chrome“ gute Erfahrungen gemacht. Wie auch immer: es nervt!
Dritter im Bunde war Martin „Locke“ Hart. Zwei Partien wurden bereits veröffentlicht. Dabei soll es bleiben, denn es wurde nicht besser. Für „Locke“ war es am Ende ein Desaster, das mit einem DWZ-Minus vom 89 Punkten endete. Viele sprechen gerne von einem „Flow“, wenn es sich um außergewöhnliche Leistungen handelt. In der Psychologie gibt es jedoch auch einen Flow, der in die entgegengesetzte Richtung führt. Beide Phänomene sind selten. In Lockes Fall muss man sagen: zum Glück!
Unser ehemaliger Mitstreiter Christian Fiekers, der laut DWZ-Liste seit 2011 kein Turnier gespielt hat, lieferte eine tolle Performance. Lediglich 13 DWZ-Punkte blieben auf der Strecke. Nach so langer Pause ist das spektakulär!
Leider liegen mit einer Ausnahme keine Partien vor. Aber zumindest eine Partie wurde auf Lichess live übertragen – und da musste er gegen das Supertalent Hussain Besou antreten. Der hatte zuvor in Benidorm seine dritte IM-Norm erfüllt und dürfte bald von der FIDE den Titel ganz offiziell erhalten. Mehr.
In Schwäbisch Gmünd wirkte er überspielt. 50% in den ersten vier Runden gegen deutlich schwächere Gegner überraschten. Der finale Endspurt mit 4½ P (5) reichte dann aber für einen Platz in den Top 20. Gegen Christian war Hussain Besou in Runde 7 jedenfalls in Form.
B-Gruppe
In der B-Gruppe gewann der für den SC Grunbach in der Oberliga Württemberg spielende Grieche Vasileios Telioridis nach Feinwertung das Turnier. Auf Platz 2 folgte der in Deutschland vereinslose Ukrainer Mikhail Martseniuk vor Lothar Trumpp (VSG 1880 Offenbach), der in Runde 7 Thorsten Weist bezwang.

Dass Joachim Rein die Heimreise gut gelaut antrat, war einfach zu erklären: er verlor keine Partie, übertraf mit seiner Performance seine aktuelle ELO-Zahl und war mit dem geteilten 10. Platz (Nr. 13 nach Feinwertung) bester Helleraner in der Abschlusstabelle. Während bei anderen die Kräfte nachließen, holte Joachim in den letzten 4 Runden drei Punkte (+2 =2-0). Dass mehr nicht möglich war, lag daran, dass die Konkurrenz nicht so oft remisierte. DWZ: -5.
Sehr knapp verlor Franz Ernst nach glänzendem Auftakt (3 P v. 4) den Anschluss an die Spitze. Grund war war seine einzige Niederlage in Runde 6. Trotz ordentlicher ELO-Performance waren es halt auch bei ihm zu viele Remise. An 4 gesetzt, sprang Platz 33 heraus, was in dem gut besetzten Turnier ein Top-Platz ist. DWZ: -22.
Stefan rockt die B-Gruppe, so „Locke“ Martin Hart euphorisch. 4 P aus 5, darunter ein Remis gegen den starken Guntram Althoff (ELO 1943) waren ein heftige Ansage. Und irgendwie rauschhaft. Um so schlimmer der Rest. Stefans Grasser Akku war wohl leer, nur ein ½ Punkt stand in den letzten Runden zu Buche. Immerhin war Stefans ELO-Performance so gut, dass er mit einem beachtlichen DWZ-Plus von 24 P die Heimreise antreten konnte.
Unser alter Mitstreiter Dr. Thorsten Weist konnte zufrieden sein. Platz 57 ist bei knapp 300 Teilnehmer als andere als schlecht. DWZ: -8.
Fotos, Grafiken © Hellern-Archiv, Thal 2026









