Oberliga: Ist das wirklich passiert?

Delmenhorster SK – SV Hellern = 7-1
Ja, es ist passiert, und ja, es ist ärgerlich. Unser Bericht bedient daher zum ersten Mal ein neues Format: zwei beteiligte Spieler berichten vom Match aus ihrer Perspektive. Als Dritter im Bunde macht dann Stockfish Gebrauch von seiner CELO – und die lautet: 3854. Das ist objektiv, aber für die Betroffenen manchmal grausam. CELO, das bedeutet übersetzt: Computer ELO.

 

Zwei Männer und eine Maschine

Die Berichterstatter sind Jörg Stock und mein Redaktionskollege Stephan Niendieker. Beide spielten stark, beide verloren. Warum, das hat Stockfish mit seinem neuronalen Netzwerk als „superhuman machine“ völlig empathiefrei analysiert. Aber eigentlich geht es darum, zu zeigen, wie die Partien selbst, aber auch von den Mitstreitern wahrgenommen werden. Ob dies stimmte? Nun, dafür gab es die „Maschine!“ Fangen wir an.

„Am 5. Spieltag mussten wir zum Tabellenführer und Meisterschaftsfavoriten nach Delmenhorst. Und wie in Auswärtsspielen offenbar mittlerweile normal, fehlten wieder drei Stammkräfte. Unser Mannschaftsführer Jürgen Grosser hatte aber mit Dominik Suendorf, dem quasi-Matchwinner vom Oldenburg-Wettkampf, und Stephan Niendieker sowie Joachim Rein für den kurzfristig ausgefallenen Reinhold Happe für angemessenen Ersatz gesorgt. Dominik als Bulli-Fahrer und Joachim als Finanzminister brachten sich zudem noch im organisatorischen Bereich ein. Dafür nochmal herzlichen Dank“ (Jörg Stock).

Brett 4: IM Giorgi Chokhonelidze – Holger Lehmann

„Holger bot nach einer kurzen ausgeglichenen Partie früh das Remis, dass sein Gegner direkt annahm. Ein guter Start eigentlich. Remis mit den schwarzen Steinen gegen einen IM“,  fasste Stephan die Partie zusammen.

Jörg sah das ähnlich: „Der georgische IM an Brett 4 hatte wohl (nicht zum ersten Mal) keine große Lust und nach ambitionsloser Weißeröffnung und wenigen Zügen einigte er sich mit Holger Lehmann auf ein Remis. Aus unserer Sicht war das Schwarzremis natürlich in Ordnung. Danach entwickelten sich an allen Brettern interessante Partien.“

Brett 2: FM Maurice Schippers – FM Dr. Ingo Gronde

„Ingo Gronde traf auf einen sehr gut vorbereiteten Gegner und kam nach einer zunächst ausgeglichen wirkenden Stellung zunehmend unter Druck und musste nach rund 3 Stunden die Segel streichen“ (Jörg).

Etwas genauer brachte es Stephan auf den Punkt: „An Brett 2 trafen zwei top vorbereitete Spieler aufeinander. Obwohl Ingo eine bei ihm selten anzufindende Eröffnung wählte, war der holländische FM in Reihen der Delmenhorster gut präpariert und überraschte Ingo zu einem gewissen Zeitpunkt der Stellung mit einem seltenen Zug. Mit dem ungewöhnlichen Manöver, nämlich beide Türme über das Feld b5 zum Königsangriff zu überführen, gewann FM Maurice Schippers gegen unseren Leistungsträger. Eine sehr starke Partie des Delmenhorsters.“

Knapper Kommentar von Stockfish: Weiß steht nach 22.Tf1-b1 auf Gewinn. 
Meistens ist Ingo der Kreative am Brett, diesmal war es sein Gegner. Hut ab!

Brett 5: Jörg Stock – Erik Pahl

„In meiner Partie kam es zu einer scharfen Sizilianisch-Variante, die ich aus der Erinnerung heraus zunächst korrekt spielte, mein Gegner mit etwas längerem Nachdenken allerdings auch. So um Zug 20 entging mir dann in der Vorausberechnung ein eleganter Zwischenzug, der wohl forciert zu einer sehr remislichen Stellung geführt hätte. Stattdessen agierte ich etwas zu passiv und ungenau, was mein Gegner mit sehr präzisem und konsequentem Spiel schnell bestrafte. Noch vor der Zeitkontrolle stand es so 0,5:2,5 gegen uns“ (Jörg).

25. De2. Zwei Züge früher hätte es ausgeglichen! Es folgte a6-a5 mit totaler Gewinnstellung.

„Jörg traf auf einen der Topscorer der Delmenhorster. Erik Pahl verlor dieses Jahr noch keine Partie in der Oberliga. Dies traf bis zu dieser Partie auch auf Jörg zu. Und es entstand schnell eine taktisch hochwertige und spannende Partie, in der beide Spieler auf Gewinn spielten. Ohne die Feinheiten der Stellung zu kennen, empfand ich die Partie von beiden Seiten als sehr hochwertig und kenntnisreich. Lange Zeit hielt sich das Gleichgewicht. Leider machte Jörg den ersten Fehler, der letztendlich wohl auch spielentscheidend war“ (Stephan).

Beide Spieler agierten tatsächlich eröffnungstheoretisch auf Top-Niveau. Ab Zug 12 spielten sie sogar exakt die gleiche Zugfolge wie zwei Fernschachspieler es im Jahr 2018 getan hatten. Angesichts der Engine-Stärke von FS-Akteuren kann das Lob nicht groß genug sein. Ab Zug 20 wurde es dann fehlerhaft, so die Engine, wobei Jörg den letzten Fehler machte.

Drei Niederlagen in Folge

Reden wir nicht herum: hier waren 50% definitiv machbar, erst recht, wenn man die Spieler und ihre Qualitäten kennt. Gut, Dominik war in der Eröffnung zu optimistisch und stand nach 13. Zügen definitiv und hoffnungslos auf Verlust. Aber es ist gerade diese Einstellung, mit der Dominik uns häufig Punkte geholt hat.

Brett 8: Richard Schier – Dominik Suendorf

„Dominik traf auf einen Oberligadebütanten und wollte trotz der schwarzen Steinen auf Gewinn spielen. Dazu kam es nicht, da Richard Schier sehr gut vorbereitet auftrat und Dominik in eine für Dominik unbekannte Eröffnung hineinführte. Hier spielte Dominik ziemlich optimistisch und als Dominik die Probleme der Stellung sah, war es bereits zu spät den Notstecker zu ziehen“ (Stephan). „Er kämpfte verbissen, aber der Gegner umschiffte jede taktische Drohung und fuhr die Partie letztlich sicher nach Hause“, schrieb Jörg.

Stockfish sah es nicht anders…

Brett 7: Joachim Rein – FM Bernd Korsus

„Joachim hätte mit den weißen Steinen vielleicht als Einziger aus der Eröffnung einen Vorteil herausholen können, immerhin gegen Bernd Korsus, der an Brett 7 bzw. 8 in der Oberliga wohl einsame Spitze darstellt. Ein ungenauer Königszug ließ die Stellung dann aber umschlagen und im Endspiel demonstrierte der Delmenhorster dann seine Spielstärke“ (Jörg).

„Joachim wollte (…) kam mit einem guten Vorteil aus der Eröffnung. Die Stellung war aber letztendlich nicht einfach, es gab es immer noch schwarze Hebel in der Stellung und so kam Bernd Korsus zurück ins Spiel und der Druck auf Joachim nahm zu. Im weiteren Verlauf verbesserte sich die schwarze Stellung kontinuierlich und der Favorit gewann langsam die Oberhand. Am Ende stand also auch an Brett 7 die Null für uns auf dem Zettel“ (Stephan).

Und Stockfish? Der erzählt eine andere Geschichte, nämlich die vom entzauberten Helden, der gegen Joachims Spezialvariante völlig unter die Räder kam und mindestens 2x forciert auf Verlust stand.

Brett 6: FM Fred Hedke – Stephan Niendieker

Die dritte Niederlage war überflüssig. FM Bernd Korsus hatte gegen Stephan in der Eröffnung eine vorteilhafte Stellung, konnte dies aber nicht umsetzen und so sah auch Stockfish eine Partie von zwei kompetenten Positionsspielern, die beide eine Punkteteilung verdient hatten. Es kam anders.

„Stephan hielt mit Schwarz sehr gut dagegen und rettete sich in ein theoretisch remisiges Turmendspiel. Der Gegner knetete und knetete und am Ende war Stephan einen Moment unaufmerksam und musste dann doch noch einen Brückenbau zulassen. Das war wirklich Pech. Ansonsten eine starke Partie von Stephan“, stellte Jörg fest.

Stephan sah das ebenfalls realistisch: „Der Delmenhorster übernahm mit genauen Kenntnissen der Eröffnung die Initiative. Trotzdem konnte ich mich lange erfolgreich verteidigen und es entstand nach dem Abtausch der Leichtfiguren ein Doppelturmendspiel, das trotz Bauerngleichheit für Weiß einfacher zu spielen war. Auch hier musste ich sehr genau verteidigen und kam in eine technische Remis-Stellung. Mit falschen Ideen sah ich das entscheidende Motiv nicht. Dank Ingo wusste ich aber zwei Sekunden nach Partieende, was ich vergessen habe.“

Stockfish hatte es bei der Berechnung einfacher als ein erschöpfter Spieler nach mehrstündigem Kampf. Ich selbst empfand die Niederlage als tragisch. Sie erinnerte mich an einen Crash vor 20 Jahren. Dort spielte ein Helleraner in trivialer Gewinnstellung einen Zug (wider besseres Wissen!), der sofort zum Remis führte. Unser Schachkamerad war nach 7 Stunden platt. Eigentlich war er dehydriert, denn der ausrichtende Verein hatte keine Getränke zu bieten. Danach stieg unsere Mannschaft ab.

Vorne war auch die Luft raus

Brett 3: FM Hannes Ewert – FM Florian Mossakowski

Hannes war nach Partie mehr als enttäuscht. Das ist gelinde formuliert. Was er tatsächlich sagte, wird hier nicht zitiert. Und wie sahen es seine Mitstreiter?

Hannes Ewert (Archivfoto)

„Hannes war laut eigener Aussage überrascht von der Eröffnungswahl seines Gegners und suchte nach einem Konzept gegen dieses vorzugehen. Dies gelang in der Eröffnung nicht ganz, so dass Hannes eine schwierige Stellung erhielt und diese zu verteidigen hatte. Hier zeigte Hannes dann seine Stärken. Mit starken Zügen ging er zum Gegenspiel über. Dies brachte den Delmenhorster aus seinem Konzept und Florian Mossakowski musste nun überlegen, um nicht komplett die Kontrolle zu verlieren. Letztendlich ein hart erkämpfter halber Punkt“, fasste Stephan die Partie zusammen.
„Hannes hatte mit Weiß in Eröffnung und Mittelspiel nicht viel erreicht, im Endspiel mit Doppeltürmen und jeweils zwei Leichtfiguren brachten die Kontrahenten aber noch erstaunliche und überraschende Ideen aufs Brett. Am Ende blieb ein einfaches Turmendspiel übrig und die Punkteteilung war unvermeidbar. Echtes Kampfschach“, so Jörg.

Kann man so sehen, aber Hannes selbst hatte sich geirrt. Abgesehen von einer aus der Mode gekommenen Spielanlage und einem kurzfristigen Vorteil des Delmenhorster FM spielte beide Akteure danach eine Partie, der Stockfish ab Zug 23 einen 0.00-Level bescheinigte. Am Ende gab es sogar eine Zugsequenz, in der beide exakt wie die Engine spielten. Anders formuliert: dies war die positionstechnisch beste Partie des Wettkampfes! Leider war sie für nach Action dürstende Kiebitze kein Spektakel, sodass an dieser Stelle nichts Dramatisches  präsentiert werden kann.

Brett 1: Alexander Hoffmann – GM Tomasz Warakomski

Ein echtes Drama gab es an Brett 1, denn im 16. Zug stellte der polnische GM die Partie brachial ein. Dass selbst in dieser Partie am Ende für uns nur eine Null zu verbuchen war, ist schwer zu verdauen. Mir schlug es jedenfalls schwer auf den Magen.

„Alexander traf bereits zum dritten Mal auf den starken Großmeister an Brett 1 der Delmenhorster. Wieder trat der der Großmeister sehr engagiert auf und zeigte bereits in der Eröffnung, dass er auch mit den schwarzen Steinen auf Gewinn spielen möchte. Schwarz spielte mit einem starken Zentrum und übernahm allmählich die Initiative. Dabei unterband der GM das Gegenspiel von Alexander geschickt, so dass wir hier in der letzten laufenden Partie des Tages den Endstand hinnehmen mussten“ (Stephan).

„Wie immer gegen uns – und eigentlich nur gegen uns – wurde auch der polnische GM Warakomski ans Schachbrett gebracht. Das spricht wohl in erster Linie für den großen Respekt vor unserem Spitzenbrett. Alexander hatte irgendwann die Qualität gegeben und Läufer und zwei Bauern gegen Turm. Leider hatte der GM einen Freibauern auf der b-Linie, der allerdings zunächst nicht so recht in Bewegung kam. Ob dies dauerhaft zu verhindern war, müssen die Analysen zeigen. Irgendwann begann er zu laufen. Alex konterte noch mit zwei verbundenen Freibauern im Zentrum und einer seltenen Unterverwandlung in einen Springer. Leider waren die Schachgebote danach nur begrenzt und auch diese Partie ging verloren.“

Beide Kommentare haben nicht den Kern getroffen. Schauen wir uns einfach mal das Spektakel an.

„Am Ende eine verdiente, aber etwas zu hoch ausgefallene Niederlage gegen eine starke Truppe, die in dieser Besetzung klarer Meisterschaftsfavorit bleibt. Für uns gilt es, den Focus auf das nächste „Auswärtsspiel“ gegen den Lokalrivalen OSV zu legen, dann hoffentlich mit der „Heimtruppe“, um letzte Zweifel am Klassenerhalt zu zerstreuen.“

Danke, Jörg, das hoffen wir alle.

Kurze Zusammenfassung: Delmenhorst ist die Mannschaft der Stunde. Dennoch war trotz der Ausfälle ein 3-5 möglich. NOH-Blanke schlug den OSV mit 5-3 und ist zusammen mit dem Lister Turm II der hartnäckigste Verfolger des Koplopers. Allerdings gestatteten die Lister sich mit vierfachem Ersatz ein 2-6 in Uelzen. Mit starker Mittelachse gewann Oldenburg mit 5-3 gegen Lehrte und ist nun Vierter. Braunschweig Gliesmarode verlor an den Brettern 1-3 und den Wettkampf gegen Bremen III mit 3-5. Abschreiben sollte man die Braunschweiger angesichts des Restprogramms aber nicht.

Foto: © Hellern-Archiv 2025