Schach? Ja! Aber wohl erst viel später!

Der gewaltige Online-Boom im Schach zeigt uns, dass unser Sport im Moment seine Attraktivität enorm gesteigert hat. Fußballspieler können ihre Aktivitäten nicht digital betreiben, obwohl es Fußball-Onlinespiele gibt. Das ist halt nicht das Gleiche. Schachsportler können dagegen nicht nur bei Lichess in die Vollen gehen – alle Online-Plattformen explodieren förmlich. Und Magnus Carlsen startet heute um 16.00 Uhr sein großes Online-Turnier. Doch die Frage, wann es wieder „richtig“ weitergehen soll, steht wie ein Elefant im Raum. Update

Schnell und umsichtig: Abstand ist Anstand

„Elephant in the room“, nennt der der Angelsachse das Phänomen. Es handelt sich um bei der Metapher um ein Problem, das alle kennen. Es ist gewaltig, bedeutsam, geht uns alle an, aber niemand redet darüber! Es ist der Elefant im Raum. Alle sehen ihn, tun aber so, als gäbe es ihn nicht.

Im Schach ist das Coronavirus dieser Elefant. Nicht wenige fragen sich, wie und wann es in der Oberliga Nord West, der Landesliga und all den anderen Spielklassen weitergehen soll. Auch in den Vereinen ist der Shutdown komplett. Bei uns in Hellern sieht man auf der Homepage des Vereins immer noch das „Sportverein geschlossen“ – und dass dies so schnell und so umsichtig über die Bühne ging, hat womöglich Leben gerettet.

Trotzdem: über die Frage, wie es weitergehen soll, wird nicht mit der letzten Offenheit geredet. Das ist verständlich, denn viele Frage können im Moment nicht beantwortet werden. Gestern, am 18. April, fand man auf der Seite des Deutschen Schachbundes einen Link zum Thema „Corona – ‚Die zehn Leitplanken des DOSB‘“. DOSB – das ist der Deutsche Olympische Sportbund – und der hatte ein Positionspapier veröffentlicht: „Wir haben der Bundes- und Landespolitik bereits am Dienstag ein Angebot vorgelegt, wie sich der autonom organisierte Sport eine Übergangsphase nach dem Ende der aktuellen Kontakteinschränkungen vorstellen kann und werden gemeinsam mit unseren Mitgliedsorganisationen weiter an der sportartspezifischen Ausgestaltung arbeiten.“

Vorläufig lauten die Leitplanken u.a. „Distanzregeln einhalten“, „Körperkontakte auf ein Minimum reduzieren“, „Freiluftaktivitäten präferieren“, „Hygieneregeln einhalten“, usw. usw. Alles gut und schön, aber wie sollen sich Schachvereine und -spieler auf das Danach vorbereiten? „Umkleiden und Duschen“ zuhause, wie es im DOSB-Papier empfohlen wird, ist für uns keine Lösung.

Es ist die Spielsituation selbst, die so gefährlich ist

Das sagte unser Webmaster Robert in einem Gespräch, das wir vor zwei Tagen führten. Recht hat er. Turnierschach annihiliert die Distanzregel auf der Stelle. Da sitzen sich zwei Spieler gegenüber, deren Abstand unter einem Meter liegt, und wenn sie sich mehrere Stunden gegenübersitzen und einer infektiös ist, bekommt sein Gegenüber die volle Ladung mit einer Präzision ab, die die Ausübung dieses Sports zu einer suizidalen Angelegenheit machen kann. Und in einem Mannschaftswettkampf mit 16 Personen und einigen Kiebitzen wäre diese Infizierte tatsächlich ein Superspreader, ein Superverbreiter, der höchstpersönlich einen lokalen Cluster entstehen ließe. Nein, Schach ist in diesen Zeiten so tödlich wie das Benutzen eines Aufzugs, in den sich ein Dutzend Menschen hineingedrängt hat.

Masken? Mal abgesehen davon, dass dies im stundenlangen Gebrauch möglicherweise eine ganz andere Geschichte ist als eine Maske beim Discounter zu tragen, muss man auch hier die goldene Regel der Virologen und Epidemiologen anwenden: Nichts kann empfohlen werden, wenn es nicht eine Studie gibt, die diesen Anwendungsfall untersucht hat. Nur dann hat man ein evidenzbasiertes Ergebnis.

Ja, die Empirie. Alle starren wie gebannt auf die Zahlen. Und nicht jeder kann sie richtig deuten. Wir stecken in einem Lernprozess und haben erfahren, was exponentielles Wachstum bedeutet, was der R-Faktor und was Herdenimmunität ist. In diesem Lernprozess haben sich auch Virologen und Epidemiologen permanent an neue Erkenntnisse anpassen müssen. Und so wissen wir mittlerweile, dass Herdenimmunität biologisch korrekt einen Status beschreibt, dessen Erreichen das Virus aus unserem Leben verbannen wird. Leider haben wir auch erfahren, dass eine schnelle Durchseuchung mindestens eine Million Todesopfer fordert, dass aber bei einer Ausbremsung der Fallzahlen dieser Status erst in 25 Jahren erreicht wird. Fazit: Nur ein Impfstoff ist ethisch und medizinisch betrachtet das Ende des Übels. Und den werden wir (Stand heute) erst in 1,5 Jahren haben.
Warum? Weil wir ihn nicht nur „erfinden“, sondern auch massenhaft produzieren und massenhaft verteilen müssen. Und das kostet weitere Zeit, wenn wir nicht bereits jetzt, so der Epidemiologe Karl Lauterbach, die entsprechende Logistik aufbauen.

Vermutlich werden wir neu anfangen müssen

Obwohl gegenwärtig die Halbwertzeit für Hypothesen sehr gering ist, müssen wir uns darauf einstellen, dass Turnierschach vor Erreichen einer umfassenden Immunität lebensgefährlich sein kann. Coronaviren bleiben. Sie wandern nicht nach Grönland aus. Und wenn sich einige Hunderttausend Impfgegner komplett verweigern, wird das Risiko nicht geringer. Nichtgeimpfte holen sich dann Covid-19 beim Schach ab wie eine saisonale Influenza. Wir werden damit leben müssen.

Wir werden auch damit leben müssen, dass erst im Spätherbst 2021 das Turnierschach aus seiner katatonischen Starre erwacht. Dann werden wir zählen. Wer ist noch da? Wer hat noch Lust? Haben wir alle Jugendspieler an andere Hobbies verloren? Wird die Saison 2019/20 zu Ende gespielt? Oder gibt es einen kompletten Reboot?

Das ist der Elefant im Raum. Ich bin gespannt, was sich die Verbände und Vereine einfallen lassen werden. Eins ist klar: dieser Beitrag ist eine Meinung, die den Elefanten ernst nimmt. Wir sollten uns langsam Gedanken darüber machen, was wir mit diesem Ungetüm anstellen wollen.


Nachtrag (20.4.):

Nach Gesprächen mit Entscheidern scheint im Moment  die Empfehlung zu kursieren, dass man den Spielbetrieb in unserer Sportart ggf. am 1. September aufnehmen könnte. Hierbei ist Folgendes zu beachten:

Aktuelle Entwicklungen genau verfolgen

Wir werden Erfahrungen mit den Lockerungsmaßnahmen machen, die alle weiteren Maßnahmen stark beeinflussen werden. Im günstigsten Fall kann dies dazu führen, dass Turnierschach unter definierten Bedingungen stattfinden kann.

Zweite Welle beachten

Dabei müssen die Entscheider beachten, dass wie bei der saisonal auftretenden Influenza im Herbst eine zweite Sars-CoV-2-Welle mitsamt der Covid-19-Erkrankung zu bewältigen sind. Dies wären ungünstige Bedingungen für einen neuen Spielbeginn Anfang Herbst 2020, besonders dann wenn Sars-CoV-2 und die saisonale Influenza gleichzeitig auftreten.
Stand heute gibt es dazu eine neue Studie, die zu folgendem Ergbnis kommt: „Britische Epidemiologen der London School of Hygiene & Tropical Medicine vermuten, dass sich eine zweite Erkrankungswelle von Covid-19 nur dann verhindern ließe, wenn Ausgangsbeschränkungen und Kontaktsperren langfristig durchgehalten oder zumindest intermittierend immer wieder aufgenommen werden“ (zitiert nach: Frankfurter Rundschau v. 17. April 2020. Die Studie von Stephen M. Kissler et al. – in Englisch – gibt es hier).
Günstig, so die britischen Forscher, wäre im Idealfall ein Lockdown bis 2022. Allerdings wird dies aufgrund der ökonomischen Folgen nicht als realistisch eingeschätzt. Falls die gegenwärtigen Maßnahmen allerdings auf 20 Wochen ausgedehnt werden, gäbe es die zweite Welle erst in den Wintermonaten. Aber sie kommt.
Fazit: „Sicher scheint derzeit nur Eines: Für ein klares Ende könnte eine Impfung sorgen, die dann auch der gesamten Weltbevölkerung zur Verfügung stünde.“

Expertise organisieren

Dies allein zwingt die Entscheider in der den Schachverbänden zu größter Flexibilität. Sie müssen sich die erforderliche Expertise organisieren, da Nicht-Mediziner auf Dauer große Probleme mit der Auswertung der unterschiedlichen Meinungen und Lösungsvorschläge bekommen werden. Ich empfehle die Drucksache 17/12051 vom 03. 01. 2013 des Deutschen Bundestages „Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012.
Bitte beachten, dass die Parameter in dieser Studie sehr dramatisch sind, die Dynamik einer Pandemie aber lehrreich beschrieben wird.

Denkfehler vermeiden

Beim persönlichen Umgang mit der Krise muss man sich anstrengen und typische Fehler vermeiden. Zu ihnen gehört die „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“-Haltung. Viele Menschen reagieren auf die aktuelle Verbesserung der Zahlen erleichtert, weil die Dimensionen der Pandemie psychologisch und ökonomisch einfach zu erdrückend sind. Sie relativieren daher die Bedeutung der Gefahr, laufen aber dabei in die Falle der sog. Scheinkausalität resp. Scheinkorrelation.
Beispiel: Faktor A, nämlich der konsequente Lockdown, hat zu Faktor B, nämlich einer Senkung ders R-Faktors geführt. Conclusio: die erfreuliche Entwicklung  von Faktor B beweist, dass Faktor A von vornherein eine überflüssige Maßnahme war, weil die Krankheit überschätzt wurde. Das ist eine Scheinkausalität. Tatsächlich hat Faktor A das exponentielle Wachstum vorübergehend gestoppt und daher Schlimmeres verhindert.

Auch unterschiedliche Zahlen werden zusammengeführt. So habe die Grippeepidemie 2016/17 über 25.000 Menschen das Leben gekostet, ohne dass dies zu ähnlichen Einschränkungen geführt hat wie es gegenwärtig der Fall ist. Die Zahlen scheinen dies zu belegen: so kommt es laut  der Weltgesundheitsorganisation WHO jährlich zu drei bis fünf Millionen schweren Grippefällen. Davon versterben bis zu 650.000 Menschen an Influenza.
Beim Coronavirus scheint es weniger dramatisch zu sein: Bisher sind im Jahr 2020 weltweit 2.415.370 Covid-19-Fälle (!) und 165.903 Todesfälle gemeldet worden, in Deutschland 145.743 Covid-19-Fälle (!) und 4.642 Todesopfer (Johns Hopkins University (JHU) am 20. April 2020).
Harmlos im Vergleich? Wir stehen am Anfang, die Zahlen sind folglich Momentaufnahmen. Aufgrund der Dunkelzieffer kennen wir nicht die Gesamtzahl der Infizierten. Entscheidend sind nach aktuellem Wissensstand  folgende Indikatoren, um den Unterschied zwischen einer Grippewelle und Sars-CoV-2 / Covid-19 zu verdeutlichen:

  • Covid-19 verläuft  häufiger lebensbedrohlich als eine Grippe.
  • Coronaviren scheinen ansteckender zu sein als Grippe-Erreger.
  • Covid-19 hat eine längere Inkubationszeit als die Grippe.
  • Während einer Grippeepidemie sind große Teile der Bevölkerung geimpft und können am Berufsleben teilnehmen.
Fazit: Die Abstandsregel wird bleiben – Schach auch!

Die aktuelle Lage ist komplex – und wir haben so etwas noch nie erlebt. Fehler werden nicht immer zu vermeiden sein, aber es gibt viele, die vermeidbar sein müssen. Persönlich sehr ich die Schachverbände daher in der Pflicht, die Vereine bestmöglich zu informieren. Die Aussage „Wir wissen es im Moment nicht“ ist keine Schande.
Die Entscheider in der den Schachverbänden müssen sich auf jeden Fall Gedanken darüber machen, wie sie face-to-face-Wettkämpfe so organisieren, dass der Sicherheitsabstand gewährleistet ist. An der Abstandsregel wird sich nichts ändern – die gilt auch in Schupfenzeiten.

Wann wird das wieder möglich sein? Vermutlich nicht so schnell.

Eine Idee wäre es, nur den am Zug befindlichen Spieler am Brett zuzulassen, während sich der Gegner in sicherem Abstand aufhält. Der Raum müsste permanent durchlüftet werden, wobei man sich über den Unterschied zwischen einer klassischen Tröpfcheninfektion und Aerosolen in der Atemluft informieren muss (Quelle).
Zu beachten ist, dass neue Studien in diesem Bereich zu neuen Erkenntnissen führen werden. Trotzdem sollte man nicht hoffen, dass für Schachspieler im Herbst FFP3-Masken verfügbar sind

Zudem müssen sich Veranstalter über Haftungsfragen informieren, die entstehen können, wenn an Vereine wegen einer Corona-Erkrankung Schadensersatzforderungen gerichtet werden. Hier sollte man auch die Hinweise des jeweiligen Landessportbundes beachten.

Unser Schach wird alles überleben. Schach kann überall gespielt werden, im Moment geschieht dies online, demnächst z.B. bei der 1. NSV Online-Meisterschaft. Man kann auch Fernschach spielen. Im Gegensatz zu Fußballvereinen müssen Schachvereine keine Spielergehälter in Millionenhöhe stemmen. Dass es für Vereine trotzdem Probleme geben wird, ist klar. Aber Schachvereine werden noch da sein, wenn einige Profi-Fußballvereine verschwunden sind.

Ich wünsche allen gute Gesundheit!