Oberliga: Hellern gewinnt im Barenturm

Mit geschlossener Mannschaftsleistung zum Klassenerhalt
In der 6. Runde der Oberliga mussten wir uns mit dem frisch aufgestiegenen Lokalrivalen SV Osnabrück auseinandersetzen. Die Vorzeichen waren klar. Wir wollten mit einem Sieg die letzten Zweifel am Klassenerhalt ausräumen. Die Einzelheiten erfährt man im Gastbeitrag von Jörg Stock.

Spielen im außergewöhnlichsten Schachspiellokal Deutschlands

Der OSV braucht allerdings jeden Punkt, um den sofortigen Wiederabstieg zu verhindern. Der Bedeutung angemessen gelang es unserem MF Jürgen Grosser das dritte Mal in dieser Saison die „Erste Acht“ ans Brett zu bringen, was bisher nur in Heimspielen gelang.
Und das war auch durchaus erforderlich. Der OSV bringt eine gesunde Mischung aus erfahrenen Haudegen und ambitionierten jungen Spielern ans Brett und hat schon mehrfach unter Beweis stellen können, dass der Aufstieg kein Zufall war und die Mannschaft kein Kanonenfutter ist. Besonders erwähnenswert ist der kometenhafte Aufstieg des 2012 geborenen Edward Bundan, der beim Bremer Silvester-Open 2025 und im Januar u.a. als Dritter der Landesmeisterschaft (nicht Jugend !!!) insgesamt sagenhafte 196 ELO-Punkte zulegen konnte. Das nennt man wohl Leistungsexplosion. Der FM-Titel ist schon beantragt.

Schach wird hier seit 1985 gespielt

Für mich lange her aber immer wieder schön ist das Spielen im wohl außergewöhnlichsten Schachspiellokal Deutschlands, dem Barenturm (Foto). Einige unserer Truppe hatten hier noch nie gespielt und hatten entsprechend Probleme den Eingang zu finden. Aber letztlich gelang auch dies und alle Partien nahmen ihren Verlauf.
Ein erster Rundgang zeigte, dass alle unsere Weißspieler schnell recht angenehme Stellungen erreichen konnten. Bei den Schwarzpartien entwickelten sich zumindest Brett 2 und 4 so, dass Schwierigkeiten nicht gänzlich auszuschließen waren. So war es durchaus in unserem Sinne, dass Holger Lehmann an 6 und Reinhold Happe an 8 ihre Schwarzpartien recht zeitnah mit einer Remisvereinbarung abschließen konnten.

Coole Signalwirkung

Dr. Ingo Gronde

Signalwirkung erlangte dann aber Ingos Partie an Brett 2. Sein Gegner P.M. Wielebinski  spielte in einer Spanischen Partie nicht nur sehr zügig, sondern auch sehr aggressiv auf Königsangriff, was schließlich sogar in einem Figurenopfer gipfelte. Ingo reagierte aber gewohnt cool, verteidigte sich geschickt und setzte dann sogar zum Gegenangriff an, was plötzlich den weißen König alt aussehen ließ. 2:1 für uns.

Hannes hatte es mit dem oben bereits erwähnten Nachwuchstalent zu tun und daher tendenziell die undankbarste Aufgabe. .

FM Hannes Ewert

Allerdings brachte Schwarz die gleiche Eröffnungsidee aufs Brett wie Hannes Gegner im vorherigen Mannschaftskampf gegen Delmenhorst. Diesmal hatte Hannes eine andere positionelle Idee im Gepäck, die sich als vielversprechend entpuppte. Der jugendliche Gegner Edward Bundan spielte zäh und ließ sein Talent durchaus erkennen, aber Hannes konnte seinen positionellen Vorteil bis ins Endspiel konservieren und letztlich ein „Starker Springer versus schwacher Läufer–Endspiel“ souverän gewinnen. Bockstarke Partie von Hannes und 3:1 für uns.

Der Zwischenstand ließ die restlichen Aktiven auf unserer Seite zunehmend entspannen und die OSVler zunehmend resignieren. So kam es recht schnell zu weiteren Remisen an Brett 3 und 5. In Christian Boettchers Partie hatte sich inzwischen eine unsymmetrische Materialverteilung ergeben, was die Stellungsbeurteilung erschwerte. Am Ende hätte Weiß aber wohl nur mit erheblicher Risikoverschärfung die Stellung weiterspielen können, so dass es zur Punkteteilung kam. Hier dürfte eine Stockfish-Analyse vielleicht noch neue Erkenntnisse ans Licht bringen.
Jens Güting spielte an Brett 5 das Londoner System und konnte lange Zeit den „besseren“ Läufer sein Eigen nennen. Aber zu einem gewinnbaren Endspielvorteil reichte dies dann auch nicht. Somit stand es nach der Zeitkontrolle 4:2 für uns.
In meiner Partie gegen David Renninger stand ich durchgehend recht angenehm, für einen deutlichen Vorteil hätte ich aber an der einen oder anderen Stelle etwas genauer agieren müssen. So konnte mein Gegner die Stellung einigermaßen im Gleichgewicht halten, was aber durchaus zeitintensiv war. Ich versuchte eine kleine Falle und bot eine vermeintliche Springergabel an, die mein Gegner auch spielte. Mit einer kleinen Kombination konnte ich aber nun einen Bauern gewinnen und stand vor der Wahl die Partie mit oder ohne Damen fortzusetzen. Schließlich entschied ich mich für die sichere Methode mit Damentausch, was Stockfish natürlich nicht gut fand.

Im verbliebenen Turm-Läufer-Endspiel machten dann beide Seiten noch einen Fehler, der sich quasi aufhob und so strebte ich das zum Mannschaftssieg noch fehlende Remis via Zugwiederholung an, der mein Gegner nicht wirklich ausweichen konnte.

Gigantenduell

Der Kampf war entschieden, aber an Brett 1 tobte noch das Gigantenduell zweier alter Bekannter. Alexander Hoffmann und Ex-Helleraner Dirk Hummel waren lange Zeit Mannschaftskameraden in der Hochzeit des Schachvereins Melle. Und entgegen mancher Prognosen über eine friedliche Partie entwickelte sich eine faszinierende facettenreiche Partie.

Alexander Hoffmann

Alexander erreichte mit Weiß in der Eröffnung zumindest optisch einen kleinen Vorteil mit starkem Zentrum und mehr Platz für die Leichtfiguren. Schwarz setzte aber eine flexible Auffangstellung dagegen, jederzeit bereit zu kontern. Das Mittelspiel bedarf sicherlich einer genauen Analyse. Dem Vernehmen nach hatte auch Dirk zwischenzeitlich Chancen auf Vorteil. Das Finale war dann geprägt von zwei recht offenstehenden Königen sowie einem Läuferpaar mit Bauerndurchbruchoption auf Alexanders Seite. Schwarz verteidigte sich aber präzise und schließlich kam es zur Abwicklung in ein ungleiches Läuferendspiel, was die Punkteteilung unvermeidbar machte. Nachspiellink.

Quelle: Deutscher Schachbund

Mit dem 5:3 können wir recht entspannt ins letzte Saisondrittel gehen. Der rechnerisch noch mögliche Abstieg liegt im Zehntel-Promille-Bereich, faktisch also quasi unmöglich.

Quelle: Deutscher Schachbund

Für den OSV wird die Situation langsam aber kritisch. Zu gönnen wäre Ihnen der Klassenerhalt, zum Einen weil sie auch gegen uns eine gute Leistung gezeigt haben, zum Anderen weil Auswärtsspiele im Barenturm auch ganz praktische Vorteile für uns hätten.

Jörg Stock

Postskriptum
  • Gerhard Müller (OSV) hat einen guten Artikel über den Wettkampf geschrieben.
  • Auch im Wettkampf Lister Turm II – Delmenhorst gab es zwei Gewinnpartien und sechs Remise. Allerdings so verteilt, dass ein 4-4 dabei herauskam. Durchaus interessant ist, dass sich der Lister Turm I in der  2. Bundesliga Nord zwei Runden vor Saisonschluss auf einem Abstiegsplatz befindet und u.a. noch gegen den Tabellenführer antreten muss.
  • Lehrte und Uelzen trennten sich 4-4, was eigentlich nur Lehrte geholfen hat. Lehrte hat damit die Danger Zone verlassen.
  • Union Oldenburg gewann knapp bei Bremen III, weil sie ‚hinten‘ etwas erfolgreicher spielten.
  • NOH Blanke gewann hoch gegen den Tabellenletzten aus Braunschweig. Der hat aber noch zwei machbare Aufgaben vor sich. Spannend: Die Nordhorner treten in der letzten Runde in Delmenhorst an.