5-Runden-Turniere sind „in“. Am Freitag geht es los, am Sonntag ist alles vorbei. Keine kostspieligen 7-Tage-Hotelkosten, vielmehr Schach mit hohem Spannungsfaktor, denn wer eine Partie verliert, ist meistens aus dem Rennen um die Top Five. Das gilt für das 36. Nordhorner Schachfestival, das auch als 11. Andreas-Schaar-Gedenkturnier firmiert und Teil des NSV-GRANDPRIX 2025 ist.
Harte Arbeit wartet
Was hat es mit dem NSV-Grandprix auf sich? In diesem Jahr war es eine im Mai begonnene sechsteilige Turnierserie, die aktuell in Nordhorn beendet wird. Danach stehen die Grandprix-Sieger in drei Kategorien fest. Ein Schwerpunkt des Verbandes ist die Priorisierung der ELO-Auswertung, denn der NSV will den Teilnehmern die Verbesserung ihrer internationalen Ratingzahl ermöglichen. Das ist begrüßenswert.

Fünf Helleraner waren angereist, um das letzte Turnier der Grandprix-Serie aktiv zu erleben. Nordhorn liegt ja quasi vor der eigenen Haustür. Mit dabei waren (wieder einmal für die Nederlande am Start) Martin Hart (2047), Hans-Jürgen Bade (1970), Dr. Norbert Schütt (1836), Niels Dettmer (1787) und Stefan Grasser (1777). Auf sie wartete ein anspruchsvolles Turnier, das nach der kurzfristigen Absagen von GM Hagen Pötsch allerdings vorne überschaubar war. Für Qualität sorgte die Breite: fast 50% der Teilnehmer im A-Turnier lagen über ELO 1900. Spieler <1800 würden also hart arbeiten müssen, um insgesamt zwei Punkte abzuholen. Sie bekommen in der ersten Runde in der Regel unlösbare Aufgaben.
Tag 1
Gleich in der ersten Runde sah man, dass Martin „Locke“ Hart (an Nr. 8 gesetzt) sich einiges vorgenommen hatte. Andre Elbert (SV Veldhausen) entwickelte sich zügig, was generell gut ist, aber gegen einen dynamischen Spieler wie Locke nicht immer alle Gefahren abdeckt.
Eine kreative Partie spielte Hajo Bade gegen Adam Popkiewicz (Bielefelder Schachklub von 1883). Der Versuch seines Gegners, mit der Drachenvariante zu punkten, scheiterte, weil Hajo die Eröffnung fern der etablierten Theorie behandelte. Kein schlechtes Rezept. Beeindruckend war Hajos Schwenk vom Damenflügel, wo er zuvor einige Fleißkärtchen gesammelt hatte, zum Königsflügel und die Abwicklung zu einem gewonnenen Endspiel.
Schwer hatten es Norbert, Niels und Stefan, die es wie erwartet mit Spielern aus dem oberen Viertel der Start-/Rangliste (58 Teilnehmer im A-Turnier) zu tun hatten. Hier konnten leider keine Punkte erzielt werden.
Tag 2
Aus redaktioneller Sicht macht so ein Turnier Spaß. Besonders dann, wenn man rasch Notationen und Fotos geliefert bekommt. Man ist zwar nicht dabei, aber mittendrin. Danke für die Unterstützung!
In Runde 2 und 3 lichten sich die Reihen. Wer nach gutem Start 2x punkten kann, darf sich in Runde 4 höhere Ziel setzen. Allerdings wartet auf ihn eine Kick-out-Runde, denn man kann auch abgeschossen werden und im Mittelefeld landen. Manche erwischt es schon früher. Hajo trat am Vormittag gegen Anton Weigand (SK Lehrte, ELO 2204) an, der an Brett 3 des Oberliga-Vereins spielt. Hajo hatte 11…Lb4 gespielt. Leider war der Lc6 ungedeckt, sodass Hajo nach 12.Sxe6 aufgeben musste. Was sagte Forrest Gump dazu? Shit happens!
„Locke“ fand sich dagegen in einem Nachbarschaftsduell wieder. Sein Gegner hieß Ole Weitekamp – und der spielt beim Hagener SV 2, hat aber bereits zwei Einsätze in der Landesliga Nord mit 100% absolviert. Im Juni 2023 gewann Ole bei unserem Jubiläumsturnier den Ratingspreis <1400. Zwei Jahre später hat er über 500 Punkte mehr auf dem Konto.
Nach dieser Partie durfte man gespannt sein: Wird Locke das durchhalten? Kann er auf die Plätze 1-5 schauen? Immerhin gehörte er nach zwei Runden zur sechsköpfigen Gruppe der verlustpunktfreien Spieler, die von Tobias Vöge und Fabian Stotyn angeführt wurde. Das ließ hoffen.
Auch der Rest der Teams durfte optimistisch(er) sein, denn Norbert und Niels gewannen ihre Partien, während Stefan in einer Formkrise steckte: er verlor erneut.
Der Nachmittag wurde dann zum Drama. Aber nicht bei Hajo und Norbert, die sich freundschaftlich die Punkte teilten. Niels hatte mit Jarno Scheffner (NOH-Blanke, ELO 1969) einen zu starken Gegner, während Stefan das Triple vollmachte: die dritte Null in Folge – das nervt ab.
Nerven – und damit kommen wir zum Drama – brauchte auch Locke, der gegen Jan Holtwessels (s. Fotos) mit Schwarz antreten musste.
Irgendwann trudelte bei mir per WhatsApp die Nachricht ein: „Locke steht unter Druck!“ Wie bitte? Ausgerechnet gegen einen 15-Jährigen? Solche Sprüche sollte man sich ersparen. Der jüngste Großmeister der Geschichte heißt Abhimanyu Mishra (USA), der sich 2021 den Titel mit 12 Jahren holte.
Soweit ist Jan Holtwessels (NOH-Blanke) nicht, aber er hatte Anfang 2024 eine ELO von 1530, nun sind es 470 Punkte mehr und ein Ende ist nicht in Sicht. Im Oberliga-Team ist er an Nr. 17 gesetzt, hat aber zweimal gespielt und zweimal gewonnen. Das Nachwuchstalent ist u16-Bezirksmeister, hat einige Turniere gewonnen und war Teil des Teams, das vor einigen Monaten die Mannschaftspokalmeisterschaft des NSV gewann. Dabei holte Jan 4 P (5).
Das reicht für eine gute Backstory. Kommen wir zur Partie. Spät am Abend schickte mir Locke ein Diagramm mit der Aufgabe „Finde den einzigen Zug, der NICHT gewinnt!“ Also Drama. Aber zurück zum Anfang. In seiner Parade-Eröffnung traf Locke auf einen Gegner, der bereits sehr früh eine deutlich bessere Stellung hatte (+1.4). Doch Locke kämpfte sich zurück in die Partie, stand nach 23 Zügen fast gleich und nach einem schweren Fehler des Nordhorners haushoch auf Gewinn. Wenig später war mit einem Matt in 5 der Drops gelutscht. Wäre da nicht der einzige Zug gewesen, der NICHT gewinnt. Locke fand ihn. Zugegeben: die Gegenschlag von Jan Holtwessels war taktisch grandios, aber beseitigt dies den Frust? Nein.
Die Züge ab 34. Dxa8 konnten nicht rekonstruiert werden. Natürlich zog sich der Kampf noch ziemlich lange hin, aber die schwarze Stellung gab nicht mehr viel her.
In Runde 4 hat das Hellern-Team lösbare Aufgaben. Einige Paarungen sind auf Augenhöhe, Punkte sind nicht garantiert. Und: Von Rang 8 bis Rang 25 habe alle 2 Punkte! Da ist viel Luft nach oben – und nach unten!
Hoffen wir das Beste!
Einzelergebnisse Runde 1-3

Top Ten-Tabelle nach Runde 3
Nr. 26: Hans-Jürgen Bade (1,5 P), Nr. 32: Dr. Norbert Schütt (1,5 P), Nr. 42: Niels Dettmer (1 P), Nr. 55: Stefan Grasser (0 P).
Ergebnisse: https://www.d4-d5.net/
Fotos: © 2025 Hans-Jürgen Bade



