Magnus – Mozart des Schachs

Von dem 28-jährigen Filmemacher Benjamin Ree ist nicht bekannt, ob er Schach spielen kann. Auf jeden Fall hat er Mut bewiesen, als er sich mit „Magnus – Mozart des Schach“ an einen Dokumentarfilm über den Schachweltmeister Magnus Carlsen heranwagte. Schach ist filmisch schwer zu fassen, so schwer wie Gedanken seines Protagonisten, der die meiste Zeit damit verbringt, im Geiste irgendwelche Stellungen durchzukauen. Dies nacherlebbar zu machen, auch für Zuschauer, die nur wenig über Schach wissen, ist nicht leicht. Benjamin Ree ist es nicht gelungen. Am Ende verliert er den schillernden Superstar der Schachszene aus den Augen und bleibt in Außenansichten hängen. Was für ein Mensch Magnus Carlsen ist und warum er ein Mozart des Schachs ist, bleibt weiterhin ein Geheimnis. Eine Filmkritik.


„Sexiest Men of 2013“ nannte die Cosmopolitan den Superstar auf den 64 Feldern. Das Time-Magazin zählte Magnus Carlsen zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt. Für einen ähnlichen Medienhype sorgte zuvor eigentlich nur Bobby Fischer, aber der galt als unberechenbarer Paranoiker und wollte keine Werbeverträge abschließen. Magnus Carlsen dagegen ist hip. Mit lukrativer Werbung verdient er mittlerweile mehr als mit seinen Schachkünsten. In einem Werbeclip für den neuen Porsche 911 steigt Muahammad Ali in den Ring und boxt gegen sich selbst. Maria Sharapova haut sich die Tennisbälle um die Ohren und auch Magnus Carlsen begegnet am Schachbrett sich selbst, während zwei Porsche über nassen Asphalt rasen. „You against you“, wiederholt der Sprecher im Off monoton, ehe er zur Sache kommt: „For the greatest version of you – Triumph“.
Wer ganz oben ist, der hat keine natürlichen Gegner mehr. Er ist ganz allein, er kann sich nur selber schlagen. Einen dissoziativen Konflikt nennt das die Klinische Psychologie. Die Werbeabteilung von Porsche muss da wohl etwas falsch verstanden haben. Vielleicht auch nicht.

Also: Da ist ein Schachweltmeister, der mit finsterer Miene für die Modefirma G-Star chice Designerklamotten trägt, für den Breitbandanbieter Altibox in einem Actionclip einen bösen Magier in ein schwarzes Loch schleudert und dessen Preis- und Antrittsgelder im Schach nur Peanuts sind im Vergleich mit dem, was er als gelegentlich grimmig schauender cooler Boy mit Reklame verdient. 2015 sollen die Peanuts ungefähr 600.000 Euro betragen haben, insgesamt kommt er auf zwei Millionen pro Jahr, wie sein Management freimütig verriet. Carlsen hat seinen Zweitwohnsitz auf Long Island, zählt Mark Zuckerberg zu seinen Freunden und hat auch ansonsten einen illustren Zirkel um sich geschart. Ausgesorgt hat der Jungstar schon längst.

Magnus bleibt ein Rätsel

Wie bekommt man diesen Tausendsassa in einem Dokumentarfilm zu fassen? Man braucht eine Idee und dazu Bilder, in denen die Idee sichtbar wird. Damit sind wir beim Handwerk.
„Magnus“ ist ein Kompilationsfilm. Darunter versteht man eine Auswertung von bereits vorhandenem Material, das in der Montage neu arrangiert und mit Musik und einem erklärenden Voice-Over-Kommentar unterlegt wird. Nicht selten wird auf den Erzähler aus dem Off gänzlich verzichtet, Bild, Ton und Montage sollen für sich sprechen.
In „Magnus“ besteht das Found Footage zu großen Teilen aus Schmalfilmen, die Magnus Carlsens Vater Henrik Albert von seinem Sohn gemacht hat. Der ehemaligen Exxon-Manager hat schon früh seinen Job aufgegeben, nun beschäftigt er sich ausschließlich mit der Karriereplanung seines Sohns. Und so sehen wir gleich zu Beginn einen Fünfjährigen, der immer alles gründlich durchdenkt, bevor er etwas ausprobiert und sich dann stundenlang und exzessiv mit dem Zusammenbau eines Eisenbahnzuges aus Lego-Steinen beschäftigt. Und als der kleine Magnus ein Buch über Länder, ihre Nationalflaggen und einige statistische Daten geschenkt bekommt, dauert es nicht lange und Magnus hat alle Fakten im Kopf. Nein, einfach nur auswendig gelernt er sie nicht – er interessiert sich für die Beziehungen, die die Zahlen miteinander eingehen. Und prompt sieht man in „Magnus“ eine Buchseite, auf der wie von Geisterhand gezeichnet plötzlich Linien erscheinen, die die Zahlen miteinander verbinden.

Magie? Oder Inselbegabung? Ist der Knabe ein wenig autistisch oder ein ganz normales Genie? Auf jeden Fall bedient sich „Magnus“ einer visuellen Metapher, die früh ankündigen soll, dass die Entstehung von Ausnahmetalenten wohl ein ungelöstes Geheimnis bleiben wird. Benjamin Ree sieht dies ähnlich. Einen Film über Kreativität und Intuition, aber auch über die Einsamkeit wollte er machen, aber durchdringen konnte er nicht. „Letztlich ist er für mich immer noch ein Rätsel“ gestand er in einem Interview.

Dabei sind die ersten 25 Minuten des Films durchaus interessant, auch weil man Magnus als Kind und Jugendlichen trotz YouTube so noch nicht gesehen hat. Aber immer wenn es spannend wird, beginnt der Film zu stottern. Etwa wenn der kleine Magnus über das Bullying an seiner Schule berichtet: „Ich war irgendwie ein Außenseiter in der Schule, weil ich etwas anders war als der Rest der Klasse. Es ist schwierig cool zu sein, wenn man Schach spielt.“

Da wird man hellhörig und ein Nachfassen wäre spannend gewesen. Auch, um herauszufinden, wie Magnus damit fertig geworden ist. Sein Vater ist in dieser Szene übrigens im Bild. Er steht unbewegt da und verzieht keine Miene. Verpasste Chance.
Schade auch, dass „Magnus“ nicht davon erzählt, dass er 2003 als 13-Jähriger mit seinen Eltern eine einjährige Reise durch Europa antrat. Magnus spielte über 150 Turnierpartien, besuchte ein Turnier nach dem anderen, immer ging es mit dem Minivan weiter und Magnus’ Eltern versuchten dem Schachfixierten en passant etwas über europäische Kunst, Kultur und Sprachen zu vermitteln.
2004 wurde Magnus dann der zweitjüngste Großmeister der Schachgeschichte. Die Bildungsreise taucht nur in Bildschnipseln auf, dafür sieht man immerhin eine der beiden berühmten Rapidpartien gegen einen permanent grimassierenden Garry Kasparov. Der ließ gegen seine jungen Gegner ein Remis zu. „I played like a child“, gestand Carlsen dem Journalisten D.T. Max vom „New Yorker“.

Negative Energie

Um die Dynamik von früher Sozialisation, Außenseiterrolle und raschem Ruhm in den Griff zu bekommen, hätte Benjamin Ree über die Kompilation hinaus intensiver arbeiten müssen. Aber in seinem Film gibt es keine ausführlichen Interviews mit Magnus Carlsen, keinen Versuch, im persönlichen Gespräch das Faszinosum Schach in den Griff zu bekommen und dabei die Motivation und Visionen, aber auch die emotionalen Stolpersteine eines Hochbegabten auszuleuchten, der eine der mörderischsten Sportarten überhaupt betreibt und dabei Kopf und Seele nicht verlieren darf.

Nun weiß man aber, dass der reale Magnus Carlsen nichts mit dem narzisstischen Image zu tun hat, das seine Werbefilme verkünden. „Unkommunikativ, desinteressiert und abwehrend“, beschrieb der ZEIT-Korrespondent Ulrich Stock das Schachgenie, das Medienkontakt generell als Zumutung betrachtet. Als Stock dann nach einem Interview die Bänder abhörte, war er verblüfft. Alles, was Carlsen unwirsch gesagt hatte, war außergewöhnlich gehaltvoll. „Offenbar gibt es bei ihm eine Diskrepanz zwischen Eindruck und Ausdruck“, stellte Stock fest. „So eine negative Energie.“

In Benjamin Rees Film ist davon wenig zu erkennen. Nötig wäre Narrator gewesen, eine kritische Stimme im Off, die dem Film einen eigenen Point of View gibt. Eine Perspektive, die sich auch mit den soziokulturellen Hintergründen eines Sports beschäftigt, in dem Carlsen nicht erst seit seiner erneuten Titelverteidigung beinahe wie ein Leuchtturm wirkt. Nicht nur, weil alle anderen Super-Großmeister des Schachs weit davon entfernt sind, einen ähnlichen Hype auszulösen wie der junge Norweger, sondern auch, um der Diskrepanz zwischen öffentlichem Image und dem nicht selten unberechenbaren und launenhaften Auftreten des Weltmeisters auf den Grund zu gehen.

Hier hat „Magnus“ nicht viel zu sagen. Am spannendsten sind noch die Bilder vom Kandidatenturnier in London. Der lange führende Carlsen sieht sich mit einer furiosen Aufholjagd von Vladimir Kramnik konfrontiert, verliert dann selbst gegen Wassyl Ivanchuk und damit auch die Tabellenführung. In der entscheidenden letzten Runde verlieren beide Kandidaten die Nerven: Carlsen verliert gegen Svidler, Kramnik muss sich Ivanchuk beugen und der Norweger wird aufgrund der höheren Anzahl an Gewinnpartien der neue Herausforderer des Weltmeisters Viswanathan Anand.

Der Kampf um die Krone als Thriller

In den restlichen 45 Minuten des Films konzentriert sich Benjamin Ree auf den ersten WM-Kampf zwischen Anand und seinem Herausforderer, der 2013 im indischen Chennai stattfindet. Carlsen siegt und wird jüngster Weltmeister der Schachgeschichte. „Magnus“ wechselt damit auch den Point of View, weg von den privaten Homemovies, hin zu den Bildern, die man aus zahllosen Medienberichten hinreichend kennt.
Damit wird der Film immer mehr zu einer Außenansicht, die Binnenperspektive geht aber nicht ganz verloren. Man sieht man, wie Carlsen zusammen mit dem Inder am Brett sitzt und vor dem Spielbeginn beinahe desorientiert wirkt, während sich hinter einen dicken Plexiglasscheibe hektisch die Fotografen drängeln und nur mühsam vom Ordnungspersonal gebändigt werden können. Seine Gesichtszüge, die verschlossen und abweisend wirken, spiegeln Unbehagen wider.
Das wirkt durchaus authentisch, aber bei dem Versuch, den Matchverlauf nachzuzeichnen, verliert sich der Film. Der Partieverlauf wird als Thriller skizziert, in dem Anand als IT-Nerd schier unschlagbares Wissen parat hat (seine Zusammenarbeit mit ChessBase und die Bedeutung der Digitalisierung des Schachs werden durchaus angemessen vermittelt), während Carlsen offenbar nur seine Intuition im Köcher hat. Ree zeigt, wie dem Herausforderer vor Aufregung die Figuren aus der Hand fallen und collagiert im Off beinahe hysterische Kommentare diverser Berichterstatter, die den norwegischen Herausforderer bereits am Abgrund wandeln sehen. Als Carlsen dann die 5. und 6. Matchpartie gewinnen kann, drehen sich die rhetorischen Volten im Off um 180 Grad. Carlsen wird zum Magier umgedeutet, beinahe zum Übermenschen – zum Mozart des Schachs.

Eine kritische Distanz gewinnt der Film dadurch nicht. Wenn Benjamin Ree geglaubt hat, dass der Schachthriller sich selbst dekonstruiert, dann ist er leider zu kurz gesprungen. Vielmehr eignet sich sein Film den überdrehten Duktus an, der weit davon entfernt ist, das zu erklären, was auf dem Brett geschehen ist.

Es wäre interessant gewesen, dazu Interviews mit Großmeistern zu führen, die diesen finalen Sprung aus ihrer Sicht beleuchten. Etwa mit Kramnik, der unter unglücklichen Umständen das Finale und damit den Kampf um die Krone verpasste. Oder mit Garry Kasparov, selbst ein Schachmythos, der zwar einige Redeschnipsel in „Magnus“ erhält, aber nicht davon erzählen darf, wie er die kurze Phase erlebte, in der er Magnus trainiert hat, ehe sich die Nr. 1 der Weltrangliste vom Ex-Weltmeister trennte, weil er diesen als zu intensiv empfand. Kasparov beschrieb Carlsens Stil später als „strangling pressure“ ohne „direct hits“. Und es wäre gewiss nicht uninteressant gewesen, wenn Kasparov auch den nicht ganz schachkundigen Zuschauer erklärt hätte, warum und wie Carlsens minimalistische Spielweise entstanden ist. Also keine glanzvollen Angriffspartien, dafür ein brutaler kleinteiliger Kampf um kleinste Vorteile in ausgeglichenen Stellungen, die andere Großmeisterkollegen schon längst Remis gegeben hätten.

„Magnus“ ist trotz aller Schwächen streckenweise ein ehrlicher Versuch, sich dem Phänomen Magnus Carlsen zu nähern. Das ist lobenswert, denn der Dokumentarfilm als Genre ist seit längerer Zeit auf dem absteigenden Ast. Das liegt nicht nur an der Mittelverknappung, sondern auch daran, dass man ohne riesigen Aufwand im Fernsehen keine signifikanten Quoten erzielen kann. Deshalb sieht man häufiger Hybridfilme, die mit fiktiven Spielszenen aufgemotzt werden, oder Kompilationen aus Archivmaterial, die dank aktueller Interviews etwas Pepp bekommen. In ihnen werden dann die berüchtigten ‚talking heads’ aneinandergereiht, die häufig nicht länger als 10 Sekunden sprechen dürfen. Gewünscht hätte ich mir eher schon eine Langzeitdokumentation, bei der man Magnus über einen längeren Zeitraum begleitet hätte.

Das große Manko des knapp 75-minütigen Films sind jedoch die fehlenden Interviews mit der titelgebenden Hauptfigur. Richtige Interviews, nicht One-Liner. An Carlsen kam Benjamin Ree wohl nicht näher heran. Der Filmemacher selbst war aus verschiedenen Gründen mit seiner ersten Schnittfassung nicht zufrieden, ein Wikipedia-Artikel sei es geworden, klagte er. Im zweiten Anlauf ist ein phasenweise unterhaltsamer Film geworden, dessen Schwächen aber nur unzulänglich überdeckt werden können. Was den „Mozart des Schachs“ in seinem Innersten bewegt, ist zweifellos sein unbedingter Erfolgshunger. Warum er auch mehrere Stellungen im Geiste analysiert, während er sich mit anderen unterhält, wäre die spannendere Frage gewesen.
Die WELT war da konsequenter. Sie spendierte dem Film im Ressort Kultur drei Zeilen und einen Filmteaser. Irgendwie konsequent, wenn es um Schach geht.

Pressespiegel – oder wie man aus der Not eine Tugend macht

  • Gerade in der Verquickung vom Alltäglichen mit dem Außergewöhnlichen liegt der Reiz dieses Films – nicht nur für Schachnerds. Er gewährt dem Zuschauer mit unveröffentlichten Archivbildern und privaten Aufnahmen erstmals Einblicke in Carlsens Gedankenwelt und begleitet ihn, in der Form einer Coming-of-Age-Geschichte, von der Kindheit bis an die Spitze der Schachwelt: Sein Weg ist geprägt von persönlichen Opfern, außerordentlichen Freundschaften und einer fürsorglichen Familie (Der Tagesspiegel).
  • Angefangen bei seiner Kindheit begleiten wir Magnus Carlsen auf seinem ungewöhnlichen Weg an die Spitze der Schachwelt, einem Weg, geprägt von persönlichen Opfern, außerordentlichen Freundschaften und einer fürsorglichen Familie (epd film).
  • Allerdings versucht der Film nicht ansatzweise, Magnus‘ spezifische Spiel-Stärken anschaulich zu machen. Auch die Titel-Formel vom „Mozart des Schachs“ wird ständig wiederholt, aber nicht erklärt: Hätten Mozart und seine Kompositionen so langweilig gewirkt wie dieser Hochleistungs-Denksportler, würde niemand mehr auch nur die „Kleine Nachtmusik“ klimpern (kunst+film).

Quellen